Und da soll mal einer sagen, dass Videospiele nicht bilden? Nach unzähligen Schlachten in Age of Empires ist selbigem Titel genau das gelungen, was mein Geschichtslehrer über Jahre versucht hat. Nämlich den trockenen Stoff rund um die verschiedenen Stämme, welche später zu Nationen heranreifen, so zu präsentieren, dass ich mich nicht nur dafür interessiere, sondern auch noch etwas dabei lerne. Vielleicht gelingt dieses Kunststück ja auch dem neuesten Stand-Alone-Addon zu »Die Gilde 2? Das Setting zu Renaissance rund um das Jahr 1400 stimmt schon mal. Mal schauen, ob die Spielspaßhürde gemeistert wird, also dass ich mich auch längerfristig mit dem Szenario auseinandersetzen will. Nichts für ungut, Herr Hiller.
Allein lauffähig
Ich merke nicht nur daran, dass ich älter werde, dass ich romantisch verklärt an meine Schulzeit zurückdenke, sondern auch, weil man im Redakteurs-Leben den einen oder anderen Titel rezensiert hat, den ich geistig eigentlich schon längst verdrängt hatte. So auch das Hauptprogramm zu
Die Gilde 2, das mir nur in der Kategorie Bugs als herausragend in Erinnerung geblieben ist. Aber zum Glück muss ich den Titel nicht aus dem privaten Videospiel-Gruselkabinett herausholen, sondern kann gleich mit dem Installieren des Addons beginnen. Vielleicht haben die Entwickler ja dazugelernt.
Und hier folgt die erste Überraschung: Die Jungs hinter Entwickler Runeforge sind ehemalige Modder, die hier zwei Mods miteinander verbinden. Dabei scheint ihnen allerdings durch die Fan-Brille entgangen zu sein, dass wenn man schon eine Stand-Alone-Erweiterung anbietet, diese auch an die Neulinge zu der Serie angepasst werden sollte. Trotzdem sucht man ein Tutorial in
Die Gilde 2 - Renaissance vergebens. Außerdem muss sich der Käufer aufgrund der fairen 20 Euro Kaufpreis doch bitteschön selbst sein Handbuch ausdrucken. Besonders für Einsteiger ist das Hin- und Herwechseln zwischen Spiel und PDF-Viewer nervtötend. Mit etwas Galgenhumor könnte man jetzt behaupten, dass die Entwickler das bereits berücksichtigt haben, weil man besonders zu Spielbeginn per Absturz direkt auf den Windows Desktop befördert wird. Aber nach der Installation des Patches lief alles runder ab.
Handwerk hat goldenen Boden
Das ist nicht nur ein Sprichwort, welches besorgte Großeltern dem ausgelernten Gymnasiasten bei der Berufswahl an die Hand geben, sondern zu den Jahren rund um 1400 auch eine Tatsache. Also wieder was gelernt, wo wir wieder bei der Bildungsdiskussion von der Artikeleinleitung wären.
Wir starten, wie der Spielname bereits vermuten lässt, nicht als Held und Ritter, sondern ganz bürgerlich als Handwerker mit dem Traum, uns eine einflussreiche Gilde aufzubauen. Dabei kommt aber auch die eigene Persönlichkeit nicht zu kurz, denn wir generieren per Charaktererschaffung unser Alter Ego – den künftigen Bill Gates der Renaissance sozusagen. Im Gegenteil zur
Anno-Reihe fungieren wir in
Die Gilde 2 - Renaissance dabei nicht als eine Art Verwalter, der über allem schwebt, sondern nehmen die Spielwelt als Teil von ihr war. Daher auch das Intermezzo mit der Figurenerschaffung, was das Alleinstellungsmerkmal von
Der Gilde 2 darstellen will.
Sind Eigenschaften, Sternzeichen und sogar Religion bestimmt, geht es auf in die frischen Szenarien wie Rheinland, Alpen oder Siebenbürgen. Moment mal, letztes kommt mir bekannt vor. Genau, der Landstrich ist besser bekannt als Transsylvanien. Umso besser, dann sind die Leute schon mal an das Aussaugen gewöhnt.
Ambitioniertes Spiel mit Hindernissen
Das Aussaugen können wir wie gewohnt unterschiedlich realisieren. Als Schankwirt machen wir die Leute in
Die Gilde 2 - Renaissance betrunken, schüren die Aggression in der Stadt durch Wirtshausschlägereien oder erheben die Gewalt gleich ganz zu unserem Beruf-Ethos als Söldner-Chef. Auch andere Karrieren sind möglich z.B. als zinsnehmender Bankkaufmann, Müller und sogar als Totengräber. Schließlich muss man sich in dem Gewerbe keine Gedanken um den Nachschub an Kunden machen.
Dabei leiden alle Karrieren in
Die Gilde 2 - Renaissance an den gleichen Kinderkrankheiten, die mir schon das Hauptprogramm verregnet haben. Was bringen im Endlosspiel die zeitweilig unterhaltsamen Ränkespielchen, wenn meine Gegner auf Dauer einfach mangels Nachwuchs aussterben? Hat denen keiner erklärt, dass man einen Nachfolger bestimmen muss, um eine Dynastie zu gründen? Dann kann es auch mal passieren, dass sich die Feinde um die Familienplanung sorgen, aber mich als Gegner komplett außer Acht lassen.
So sehr ich mich auch während des Tests dem Marktgesetzten durch Angebot und Nachfrage gewidmet habe, indem ich ausklügelte, wo ich günstiger an- und noch teurer verkaufen konnte, so sehr ärgert mich, dass die Entwickler hier geschlafen haben. Warum soll ich mich durch die Textwüsten von Menüs wühlen, wenn die KI aus ihrem Winterschlaf nicht aufwacht?
Versteht mich nicht falsch. Die Gildengründung hat durchaus ihren Reiz, weil wir uns durch unseren Charakter noch mehr mit der Entstehung des ersten Geschäfts und der späteren Gilde identifizieren können. Auch wenn man nach der gefühlt endlos andauernden Einarbeitungszeit seine ersten großangelegten Geschäftstaktiken zum Bekämpfen der Konkurrenz ins Feld führen kann, hinterlässt der Sieg durch Aussterben der Konkurrenz einen schalen Beigeschmack. Da tröstet mich auch nicht die Möglichkeit, mir einen Adelstitel zu kaufen. Hier solltet ihr also einen Kumpel für den Multiplayer-Modus begeistern, denn so kommt wenigstens ein wenig Stimmung auf. An die Tastatur könnt ihr ihn ja mit dem Argument locken, dass der Spielablauf sich dank der vielen Berufe und Vorgehensweisen selten monoton und wiederholend anfühlt. Und das stimmt ja auch. Aber am besten erzählt ihr ihm nichts von den „Out of Sync“-Abbrüchen nach einigen Stunden Spieldauer, die mich und einen Kumpel die CD aus dem Laufwerk werfen liesen. Aber was soll ich sagen?
Die Gilde 2 - Renaissance läuft auch ohne CD. Tipp für alle Leidgeplagten: Savegames kopieren bei Multiplayer-Abstürzen.
Kein Fans für Fans
Grafisch präsentiert sich
Die Gilde 2 - Renaissance positiv ausgedrückt ressourcenschonend und ist damit auch auf älteren PCs darstellbar. Im Klartext und besonders in Konkurrenz zu
Anno ist die Grafik angegraut. Der Wusel-Faktor hält sich in Grenzen, die Texturen wirken mehr matschig als hübsch und allein beim Sound kann man den Daumen nach oben heben. Hier sorgen Soundeffekte und entsprechendes Mittelalter-Gedudel für Laune. Ich sage nicht, dass man sich hiervon eine Soundtrack-CD gönnen sollte, aber in Verbindung mit dem Spiel passt die musikalische Untermalung gut. Zur Spielmechanik bleibt zu sagen, dass diese Menüstruktur niemanden mehr schockieren kann, der sich trotz Absturz und kargen Einstellmöglichkeiten in den Titel eingearbeitet hat. Wollt ihr aber Beat’em Up- oder Rennspiel-Fans für das Genre begeistern, dann greift doch lieber zu den
Anno-Games.
Nur um mich zu quälen, habe ich das Hauptprogramm noch einmal aus dem Keller wieder in mein CD-Laufwerk befördert. Und ich muss nach der Installation dieser Bug-Orgie sagen, dass sich optisch kaum etwas getan hat. Die Landschaften sehen nicht nur so krude aus wie zuvor, die Animationen scheinen mir sogar noch einen Tick mieser geworden zu sein. Auch konnte ich im Addon wie auch im Hauptprogramm Leute entdecken, die einfach durch Wände gehen konnten und dann kam es ebenfalls hier und da gleichfalls zu ruckelnden Bäumen. Also eine Augenweide habe ich ja nicht erwartet, aber dass man das damals schon technisch überholte Hauptprogramm leicht aufgehübscht wieder auflegt – da hätte ich diesen Entwicklern mehr zugetraut. Diesen Umstand entschuldigen auch die paar neuen Gebäude nicht.