Armalion ist tot, lang lebe Sacred!
Vor einigen Jahren hatte ich die Möglichkeit auf der CeBIT Home Armalion kurz anzuspielen, und es machte einen sehr guten Eindruck! Leider ist Armalion nie erscheinen und Diablo saß einsam und allein auf seinem Hack'n'Slay Trohn, bis ein Teil der Entwickler von Armalion unter neuer Flagge ein neues Spiel namens Sacred veröffentlichte. Ob Sacred das 3,5 Jahre alte Diablo 2 von seinem Trohn stürzen wird? Wir werden sehen.
Der Hintergrund
Der verstossene und eigentlich für tot gehaltene Schwarzmagier Shaddar beschwört einen Sakkara-Dämonen, damit dieser ihm wieder zum Trohn über Ancaria verhilft. Leider patzt er bei der Durchführung des Rituals und so wird der Dämon nicht von Shaddar kontrolliert und verfolgt seine eigenen Ziele. Der Sakkara-Kult erwacht zu neuem Leben und seine finsteren Scharen ziehen über Ancaria wie düstere Wolken am Himmel.
Die Helden
Aus sechs Charakterklassen kann man wählen: Der Gladiator, ein Nahkämpfer wie er in allen Rollenspielen vorkommt; die Seraphime, die göttlichen Kriegerinnen, die schon einmal die Dämonen von Ancaria vertrieben haben und einige Kampfzauber beherschen, die ihnen im Nahkampf beistehen; der Magier, der mächtige Zauber bereit hält um den Gegnern zu trotzen. Die Waldelfin, die Pfeil und Bogen benutzt um sich ihrer Haut zu erwehren; der Dunkelelf, der eher Fallen und blanke Hände benutzt und die Vampirin, die sich von der Ritterform in die Vampirform verwandelt und dann besonders hart zuschlägt.
Jeder der Charaktere hat seinen eigenen Startpunkt und seine erste eigene Quest, nach dieser ist der Rest der Story und Quests für alle gleich. Ab hier befindet man sich in der beschaulichen Garnision von Schönblick wieder und die Story nimmt ihren Lauf. So wird man vom dortigen Kommandanten nach Porto Vallum gesendet um in den Dienst der königlichen Armeen gestellt zu werden. Im weiteren Verlauf der Story-Missionen reist man nun kreuz und quer durch Ancaria. Wohl dem, der sich einen Klepper geleistet hat und somit die Reisegeschwindigkeit erhöht. Denn die abkürzenden Portale sind nicht gerade sehr flächenddeckend auf Ancaria verteilt! In jedem kleinen Dorf warten einige NPC's, die einen um Unterstützung bitten. Die häufigste Quest ist wohl "rette unserer Frauen und/oder Töchter". So gibt es also eine wahre Flut an Quests, die man lösen kann, die aber nicht zur Story gehören. Natürlich werden diese aber mit Geld, Erfahrung und Gegenständen belohnt. Manchmal findet man auch mitten in der Wildniss eine Quest. An der unteren Bildschirmmitte weisst ein großer Pfeil immer die einzuschlagende Richtung für die Storyquest an und eine kleiner blauer Pfeil den für die im Questlog markierte Nebenquest. Auf der Karte sieht man dann auch anhand von Pfeilen in welche Richtung man sich bewegen muss. Auf der Weltkarte sind markierte Punkte, wie Ortschaften und Händler, auch schon verzeichnet, wenn man die Gegend noch nicht erkundet hat. Besonders pfiffig: Wenn man die Maustaste drückt, wird die Ingame-Karte darüber geblendet und man sieht genau, was man schon erkundet hat.
Die Welt Ancaria
Anfangs befindet man sich meist auf grünen Wiesen, kleineren Wäldern und Feldern der Bauern wieder. Hier und da kreuzt ein Bach oder Fluss den Weg, oder man reitet einen See entlang. Später kommt man auch in die südlichen Wüstengegenden, die nördlichen Eissregionen, zu den Vulkanen und natürlich durcg große und kleine Wälder. Zwischendrin trifft man immer wieder auf Höhlen und andere Dungeons, in denen meist eine Nebenquest zu erledigen ist oder die als Durchgang zwischen zwei Gebieten dient. Die Karte ist star und nicht variabel, auch wird sie wie bei Diablo 2 jedes mal neu erstellt, dafür ist sie RIESENgroß. Und wenn man nur der reinen Story nachgeht, erforscht man gerade einmal 22 % der Gesamtkarte. So bleibem dem Spieler noch einige Orte verborgen, die er später erkunden kann. Getötete Gegener lösen sich nach einiger Zeit auf und fahren gen Himmel, sobald man sich aber einmal von der Stelle entfernt hat, respawnen die Gegner dort erneut und müssen wieder erledigt werden. Dies sorgt dafür, dass ständiger Nachschub an Gegnern da ist, aber teilweise auch für Unmut, wenn man nur schnell wieder in die Siedlung zurück möchte. Nun, man könnte ja auf dem schnellen Reitpferd einfach an ihnen vorbei, nur leider sammelt man so alle Gegner an, die einem ziemlich weit folgen. Spätestens am Zielpunkt kommt es dann zum Gemetzel mit ungewissem Ausgang. Später im Spiel verfügen die Gegner über einen Haltezauber, den sie dann auch wirkunsgvoll einsetzen, obwohl sie nicht mal mehr in Sichtweite sind!
Fummelige Steuerung oder wie ich vielleicht zuschlage
Gesteuert wird Sacred mit Maus und Tastatur. Mit der Maus bewegt man den Cursor auf dem Bildschirm, mit Klick der linken Maustaste bewegt sich der Charakter zum jeweiligen Ort. Die rechte Maustaste aktiviert die Spezial-Fähigkeiten, sofern deren Anwendung Sinn macht. Befindet sich ein Ziel unter dem Cursor, wird das Ziel angegriffen (linke Taste) oder die Spezial-Fähigkeit auf das Ziel angewandt (rechte Taste). Leider bleiben die Gegner nicht immer stehen, sondern fliehen, entweder sofort oder nach einigen Treffern. Der Held verbleibt aber an der Stelle und macht nichts mehr, obwohl man die Maustaste gedrückt hält. Das Aktivieren der Option „Maus: Gegner folgen“ hatte bei mir keinerlei Auswirkung im Steuerungsverhalten. Häufig passiert es auch, dass der Charakter zum Gegner läuft und dann einfach da rumsteht und sich die Hucke voll schlagen lässt. Da hilft es nur den Gegner erneut anzuklicken. Besonders ausgeprägt ist dies vom Rücken eines Pferdes aus oder wenn man eine Spezial-Attacke auf einen größeren Gegner ausführen möchte. Hierbei muss sich der Char bzw. das Pferd wohl in einer speziellen Ausrichtung zum Gegner befinden, ist man das nicht, bleibt er auch wieder ruhig stehen. Etwas fummelig wird das ganze, wenn man es mit Gegner-Meuten zu tun hat: Obwohl man sich einen Gegner herausgepickt hat (was schon schwierig genug ist in dem Gewühl), schlägt der Charakter auf einen anderen Gegner, als den eigentlich gewünschten. Immer wieder muss man also die Maustaste loslassen und erneut explizit das gewünschte Ziel anklicken, obwohl man das schon vorher gemacht hat. Das stört den Spielfluß und nervt wieder und wieder.
Die Kamera hält immer von schräg oben auf den Charakter und kann nicht bewegt werden. Es gibt lediglich drei Zoomstufen. In der weitesten Zoomstufe hat man den größten Überblick über die Landschaft und es ruckelt etwas. Diese ist aber in Kämpfen nicht so sinnvoll, da alles zu klein ist. Ich fühlte mich etwas an das original Command & Conquer erinnert. In der mittleren Zoomstufe hat man nicht mehr soviel Übersicht, aber dafür ruckelt es nun gar nicht mehr und ich kann auch im Kampf erkennen, was vor sich geht. In der nahesten Zoomstufe kann ich sehr gezielt einzelne Gegner anwählen und meinen eigenen Charakter bewundern, leider wird die Umgebungsgrafik nun doch etwas pixelig und man hat so gut wie keinen Überblick mehr!
So spielt man in der weitesten Zoomstufe, wenn man auf schneller Reise durch die Landschaft ist. Und in der nahen Stufe nur kurz, wenn es gilt im Gegnergewühl mal schnell einen speziellen Gegner auszuwählen. Letztlich nutzt man also fast immer die mittlere Zoomstufe.
Wenn ich mal groß bin werde ich...
Die Charekterentwicklung in Sacred geht eigene Wege. Es gibt eine Fähigkeitenbaum, der sich leicht in den Klassen unterscheidet. Bei jedem Lvl-Up bekommt man mehrere Punkte, um diese Fähigkeiten zu steigern. Ab und zu muss man sich auch für eine weitere entscheiden, die man dazunimmt. Zudem hat man die üblichen Attribute, wie Stärke, Ausdauer, usw. Diese werden automatisch beim Lvl-up gesteigert und man darf einen Punkt frei verteilen. Dann gibt es noch die Spezial-Attacken, die man mithilfe von Runen erlernen und verbessern muss. Hat man nicht die entsprechenden Rune für eine Attacke, kan man diese logischerweise auch nicht erlernen. Da sie klassenspezifisch sind, findet man aber eine Menge Runen, die man nie nutzen kann. Diese kann man aber bei speziellen Händler in ungüstigen Verhältnissen tauschen. Für zwei Runen bekomme ich eine andere zufällige Rune wieder, für drei bekomme ich eine zufällige Rune für meine Klasse wieder und für vier Runen kann ich eine Rune für meine Klasse auswählen! Zudem kann man bei diesen Händlern Kombos erstellen lassen. Mit einer Kombo kann ich eine Abfolge von vier Spezialattacken erstellen, die dann ausgeführt wird, wenn ich sie aktiviere. Maximal vier unterschiedliche Kombos kann man erstellen. Da maximal fünf Slots zur Verfügung stehen (ab lvl 30), kann man so mehrere Spezialattacken ausführen ohne jedesmal aus der Übersicht neue in die Slots ziehen zu müssen. Insgesammt stehen zehn Slots zur Verfügung: Fünf für Waffen, die man mit den Tasten 1-5 auswählt, und weitere fünf für die Spezialattacken, die man mit den Tasten 6-0 auswählt.
Zudem gibt es charakterspezifische Gegenstände in der Ausrüstung. Alles was man selbst nicht verwenden kann oder möchte, kann man bei jedem Händler in klingende Münze umwandeln. Und da sehr viel gedropped wird, schwimmt der Held alsbald in Gold und kann beim Händler jeden Gegenstand erwerben, der dort angeboten wird. Da man für Heilung auf Heiltränke angewiesen ist, sollte man sich angewöhnen, diese bei den Händlern komplett aufzukaufen. Anders als in Diablo 2 haben die Händler kein unendliches Angebot an Heiltränken. Nach zweimaligem Aufsuchen des Händlers sind alle aufgekauft und werden so im späteren Spielverlauf schon mal zur Mangelware. Leider belegt jeder Trank auch einen Slot im begrenzten Inventar, aber in jedem größerem Ort gibt es eine blaue Kiste, in denen der Held seine Sachen lagern kann. Auf magische Weise sind die darin befindlichen Gegenstände in jedem Ort wiederzufinden.
Bei Schmieden kann man weiterhin Gegenstände mit passenden Slots mit Schmuck oder drei vom Schmied kaufbaren Erweiterungen verbessern. Dies ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. So erweitert man Waffen oder Rüstungen um die Fähigkeiten des verwerteten Schmuckstückes und erschaft sich sehr starke Items.
Für Aug' und Ohr
Die Grafik von Sacred kennt nur die Auflösung 1024x768, man kann zusätzlich AntiAliasing und 32Bit Farbtiefe aktivieren. In den Spiel-Optionen kann man noch verbesserte Animationen aktivieren und die Grafikdetails in drei Stufen anpassen. Für den Sound gibt es ebenfalls nur drei Qualitätsstufen und die Lautsärke einzustellen (die 3D-Sound Option steht im Spiel nicht mehr zur Verfügung, da diese wohl ein Speicherleck verursachte).
Grafisch macht Sacred einen guten Eindruck, aber manchmal wirken die Boden-Texturen in der ständigen Wiederholung doch etwas eintönig. Ab und zu trift man auf sehr schöne Objekte, aber es gibt nach einiger Spielzeit kaum noch Überraschungen. Eher nervig als atmosphärisch fand ich den Nebeleffekt und die Dunkelheit in einigen Dungeons. Zeitweise musste ich sogar den Raum abdunkeln um noch etwas auf dem Monitor zu erkennen. Vertan fand ich die Chance, mit der Fackel für mehr Aufhellung zu sorgen. So wirft der Charakter zwar mit der Fackel einen helleren Lichtkegel direkt um sich herum, aber erhellt leider nicht die weitere Umgebung damit(sprich der Lichtkegel ist schlichtweg zu gering)! Tag- und Nachtwechsel haben bis auf die Vampirin null Auswirkung und geregnet hat es erstaunlich selten (das bewerte ich allerdings positiv, wenn ich Regen sehen möchte, kann ich auch einfach aus dem Fenster auf die Strasse schauen). Die Animationen der Monster und Charaktere sind ebenfalls gelungen, erreichen aber bei Weitem nicht die Qualität eines Prince of Persia.
Sehr gut ist die Vertonung und besonders die gewählten Sprecher für die Helden. Dabei handelt es sich um teils recht bekannte Synchronstimmen, die auch schon Erfahrungen im Spielebreich gesammelt haben (Oucast, Silver, Baphomets Fluch, um nur mal einige zu nennen). Sowas sorgt für eine großes Plus in der Atmosphäre des Spiels. Man merkt auch recht schnell, dass die Entwickler bei Sacred dem Humor eine große Rolle zugedacht haben. Wenn einem z.B. die Gegner „Schniepel“ und „Schlagt ihm den Kopf ab, ich brauch nen neuen Aschenbecher!“ zurufen oder der Gladiator mit der Stimme von Bruce Willis das aus Stirb Langsam bekannte "Jippijahey Schweinebacke" von sich gibt. Sehr witzig wird es auch, einfach mal den Charakter 15 Minuten nur rumstehen zu lassen und abzuwarten, was er einem dann an den Kopf wirft!
Zudem gibt es immer wieder etwas zu entdecken, nicht nur lustige Grabsteinsprüche. So gibt es auch Gerüchte über ein verstecktes PacMan-Spiel oder ein Dorf, dessen Aufbau der Haupstadt Tristam aus Diablo 1 zum verwechseln ähnlich ist. Hier merkt man, dass sich die Entwickler viel Mühe gegeben haben. Auch die Hintergrundgeschichte der einzelnen Helden ist recht tiefgehend ausgeführt. Da verwundert es, dass die Story sich kaum über 08/15-Niveau heraushebt. Da wurde viel Liebe in Details gesteckt, was Monsterbeschreibungen und Ähnliches angeht, um eine sehr lebendige und echte Welt zu erschaffen, aber die Hauptstory hält diesem Niveau nicht stand.
Gemeinsam macht es mehr Spass
Nur leider nicht bei Sacred: Das Äquivalent zum Battle.net von Ascaron ist unter dem Spieleransturm hoffnungslos zusammengebrochen. Hier war Ascaron wohl doch arg naiv und hat sich verschätzt. Positiv anzumerken ist, dass man sofort gehandelt hat und versucht die Kapazitäten entsprechend zu erweitern. Allerdings habe ich es bisher nicht geschaft, in ein solches Spiel zu kommen, da ich dazu nur in den Stoßzeiten die Möglichkeit habe.
Das Testspiel im LAN zeigte aber leider einige Unzulänglichkeiten auf: Wenn man nur mit persönlichen Freunden spielt, kann man den Ärger in Grenzen halten, aber mit Fremden wird man sich um Drops und Questbelohnungen kloppen müssen. Einen Autosplit gibt es nämlich nicht, nicht mal für eingesammltes Gold, und wer als erster den Quest-NPC anspricht bekommt als einziger die Questbelohnung! Auch die Spezial-Fähigkeiten, die das Zusammenspiel fördern würden, sucht man wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.
Im Namen von GameRadio.de ergeht folgendes Urteil
Der König ist tot, lang lebe der König! Sacred zeigt wieder einmal, dass man auch hierzulande erstklassige Spiele zu erstellen weiss und reiht sich damit neben der Siedler-, Anno-, Gothic- und X-Reihe, sowie Spellforce auf das Treppchen für Markenware made in Germany ein. Es bringt wieder frischen Wind in das Hack'n'Slay Genre, das bisher von den Diablo Spielen unangefochten dominiert wurde. Leider schaft Sacred es nicht Diablo 2 den Thron streitig zu machen, da es hier und da doch nicht ganz so gut ist, wie der Konkurrent. Aber es liegt ihm schon dicht auf den Fersen und versorgt das Volk mit neuem Opium.
Wenn Ascaron die Performance des eigenen Internets-Angebotes verbessert und die Multiplayerschwächen per Patch noch ausbügelt, könnte der Ansturm auf das Battle.net stark zurückgehen und Diablo 2 darf sich warm anziehen! Zudem präsentiert sich die Verpackung von Sacred in einer sehr schönen und edlen Box, die an die Extended Editions der Herr der Ringe Filme erinnert!