Passend zur kalten Jahreszeit bringt Publisher Kalypso den dritten Teil der düsteren Fantasy-Serie Disciples auf den Markt. Genau das Richtige, um mit einer Tasse warmen Tee die schaurig kalten Wintermonate zu verbringen. Dumm nur, dass ich diese Zeilen bei über 30 Grad Ende Juni schreiben muss, sprich inmitten der Grillsaison. Ob Entwickler Akella uns trotzdem vom Besuch des örtlichen Freibads abhalten kann, verrate ich euch im Test.
Schach für Fortgeschrittene
Das Genre der Rundenstrategie stellt schon mal die richtigen Weichen für ausgiebige Zocker-Abende. Hier kann man ganz unabhängig von der hektischen Echtzeit-Taktik in aller Ruhe seine Truppen über das Szenario verteilen, um anschließend die Runde zu beenden, damit der Feind seine Einheiten möglichst effektiv platzieren kann. Nebenbei kaufen wir Gegenstände bei Händlern, stärken unsere Statuswerte an Brunnen oder kämpfen mit Wegelagerern oder feindlichen Armeen. Dumm nur, dass das Genre fast mit einer Spielserie verwoben ist:
Heroes of Might&Magic, das zugleich auch den Benchmark darstellt. Aber der Angriff des russischen Entwicklerteams auf den vermeintlichen Platzhirsch sieht schon mal sehr vielversprechend aus.
Disciples neu aufgelegt
Ganz so traditionsreich wie die Konkurrenz ist die
Disciples-Serie schon mal nicht, aber dafür auch relativ alt. Auf dem schnelllebigen Videospielmarkt kann man auch sagen leicht angegraut. Denn ihren Anfang hat die Serie 1999 unter den Entwicklern Strategy First genommen. Nun soll die Reihe mit
Disciples III acht Jahre nach dem letzten Spiel mit frischer 3D-Optik und unter Regie der Russen Boden gut machen.
Von bösen Elfen und glitzernden Zaubern
Geboten werden euch in
Disciples III drei Fraktionen, die von Anfang an wählbar sind. Das ordentliche Tutorial, das auch Genre-Neulinge gut an das Geschehen heranführt, spielt man noch auf Seiten des menschlichen Imperiums. Aber böswillige Naturen sowie Personen, die sich für etwas Besseres halten und gerne Klee essen, können sich auch für die Fraktionen der Elfen oder der Verdammten entscheiden. Trotzdem wird geraten, die Kampagnen hintereinander zu absolvieren, da man sich so an den teils auch mal schwankenden Schwierigkeitsgrad gewöhnen kann. Ich bin im Test mal zuerst mit den Elfen vorgeprescht und hatte mangels Kenntnis des Spielrhytmus und der Löwenzahnfresser mehr Frust als Spielspaß. Also nochmal von vorn und mit den Menschen in die Schlacht gezogen.
Das Setting von
Disciples III ist stimmig und in einer Welt zwischen Gothic- und Japan-Rollenspiel angesiedelt, was perfekt in die Dark Fantasy-Kerbe passt. Ähnlich düster sind dann natürlich auch die Texturen geraten. Lichtblicke gibt es dann im wahrsten Sinne des Wortes nur bei den Effekten, die so farbenfroh sind, dass man sie auch aus einem Square-Spiel geklaut haben könnte. Wahrscheinlich ein bewusster Kontrast, denn so kommt der farbig glitzernde Heilzauber besser zur Geltung. Etwas mehr Beachtung hätte man jedoch auf die Weltkarte legen können. Orte mit denen ihr interagieren könnt sind nämlich nicht zusätzlich markiert und wollen durch zusätzliches Anklicken erst gefunden werden.
Viel Lesestoff, wenig zum Bauen
Enttäuschend ist
Disciples III dann auch bei den Punkten Sprachausgabe und Burgenausbau. Diese beiden Features sind mit wenigen Textzeilen und Ausbauoptionen recht schnell abgehandelt, so dass sich der kommende Feldherr mehr auf das Lesen und Kämpfen konzentrieren muss. Einsteiger sollte auf jeden Fall den Magierturm bauen, denn so lassen sich bereits auf der Karte sichtbare Feindeinheiten mit Sprüchen im Vorfeld dezimieren, so dass eure Truppen als eine Art Ausputzer nur noch den Rest übernehmen müssen. Für die Experten unter euch ist das vielleicht mittlerweile schon selbstverständlich, aber für geneigte Anfänger im Genre ist das für den Einstieg schon mal ein kleiner effektiver Geheimtipp.
Es war einmal...
Die Story von
Disciples III ist wendungsreich und unterhaltsam inszeniert, plätschert mal müde vor sich her oder sorgt mit Wendungen für Spannung. Auch soll vermutlich das Augenmerk mehr auf die Rollenspiel-Elemente des Titels gelenkt werden. Denn euer Held kann sich mittels eines neuartigen Fertigkeitenbaums, der mehr an ein Mah-jongg-Spiel erinnert, im Laufe der Zeit immer mehr Talente aneignen. Auch die mit in die Schlacht geführten Einheiten nehmen mit steigenden Erfahrungspunkten an Können zu, bleiben aber zahlenmäßig stets gering. Getreu dem Motto Masse statt Klasse, bleiben die Schlachten auch im zunehmenden Spielverlauf überschaubar. So werten wir unseren Magier-Novizen lieber mit der Zeit zu einem Experten auf, anstatt auf die Durchschlagskraft von Ritterkompanien zu bauen. Schlicht und ergreifend weil wir eine so große Armee gar nicht befehligen können.
Kommt es übrigens zu einer Auseinandersetzung, wechselt
Disciples III in einen schmucken Kampfbildschirm, auf dem wir unsere Einheiten bewegen und angreifen lassen. Das wollte ich nicht unerwähnt lassen, weil euch z.B. in anderen Spielen wie
Advance Wars einfach nur die Verluste präsentiert werden und das war’s. Weitere Interaktion bietet das rudimentäre Schere-Stein-Papier-Prinzip auf Nintendos Konsolen dann nämlich nicht mehr.
Entwickler-Patch sollte Abhilfe schaffen!
Befindet man sich nach ein paar Stunden im mittleren Teil der Spieldauer von insgesamt 19 Missionen, dann fallen einem immer mehr die Design-Macken von
Disciples III auf. So ist das Heldenmenü, das wir auch mit zahlreichen Ausrüstungsgegenständen nur so behängen können, dermaßen unübersichtlich geraten, dass man sich erst durch ein paar Unterpunkte wursteln muss, um beim dunklen Setting auch die düsteren Icons treffen zu können. Gar nicht erst anfangen will ich mit den eben erwähnten Gegenständen für euren Helden. Will z.B. ich herausfinden, mit welchem Schwert mein Charakter in den Kampf ziehen soll, dann habe ich hier vor der Tastatur schon mal eine DIN A4-Seite vollgekritzelt. Soll heißen, dass ich mich mir selbst Notizen machen muss, damit ich beim Schmied um die Ecke erkenne, ob das Item gekauft werden sollte oder nicht. Hier bitte dringend mit einem Patch nachbessern! Auch nicht vergessen, dass man nicht unbedingt immer die rechte Maustaste gedrückt halten muss (!), wenn man sich die Details eines Items anschauen will.
Hexfeld-Generäle aufgepasst
Auch bei den Hexfeld-Kämpfen finde ich was zum Beschweren: Muss man seinen Spielstand nochmal laden, weil der Titel abgestürzt ist, und geht in den gleichen Kampf, dann wird das Kampffeld per Zufall erstellt. Wer hier fleißig lädt, kann sich so also den einen oder anderen Vorteil verschaffen. Vielleicht ist das auch der Grund für den schwankenden Schwierigkeitsgrad im Laufe der Kampagnen. Besonders meine ich das auf Hinsicht der Fokusfelder, welche auf der Hexfeld-Karte verteilt sind. Steht eure Einheit darauf, bekommt sie einen Bonus z.B. auf ihre Geschosse. Das kann bei größeren Kämpfen auch mal kriegsentscheidend sein.
Zumindest geht die K.I. in
Disciples III sehenswert animiert stets aggressiv und organisiert vor. Bedeutet, dass sie auf dem Weg zum Sieg meist schnell nach vorne prescht und weniger erst mal darauf achtet, sich klug in Stellung zu bringen. Davon kriege ich aber auf Dauer gesehen weniger mit, da ich meist die Kämpfe per Knopfdruck beendet habe. Die Animationen sind zwar sehr schick und machen Laune, aber warum soll ich einen Einsatz von drei Stunden künstlich auf fünf aufblähen, damit ich zusehen kann wie mein Riese den Goblins Saures gibt. Spieler anderer Genres wie z.B. der
»Fussball Manager-Reihe kennen das, wenn nicht jede Partie des DFB-Pokals in voller Länge gesichtet werden muss.
Nichts Herausragendes, aber etwas Besonderes
Mit diesen ganzen Kritikpunkten ist
Disciples III also keine Genre-Referenz geworden. Aber das muss der Titel auch gar nicht sein. Denn gemessen am erfrischend morbiden wirkenden Setting können Fans des Genres die Design-Macken sicher gerne verzeihen. Zumal ich stark hoffen will, dass mit Patches oder einem Addon die Bedienungs-Probleme, die an die Videospiel-Steinzeit erinnern, ausgemerzt werden. Deshalb sperrt sich der Titel selber den Weg in höhere Regionen. Fans des Genres können trotzdem beherzt zugreifen, alle anderen überlegen, ob die genannten Punkte das Spielerlebnis vermiesen würden und können dann trotzdem einen Blick riskieren.