Wenn draußen das Wetter schön ist, dann verwandelt sich Deutschland in ein Volk von Hobby-Radfahrern. Ganz Deutschland? Nein, denn ich sitze mit dem Laptop bewaffnet im Freien und teste Videospiele. Doch ganz muss ich dem Freizeitsport nicht fern bleiben, denn zumindest radle ich virtuell mit dem aktuellen Radsport Manager 2010 um den Gewinn der diesjährigen Tour de France.
Im Schatten der Fussball-WM
Der durchschnittliche deutsche Sportbegeisterte blickt nur von seinem Lieblingshobby Fussball auf, wenn es für Schwarz-Rot-Gold in anderen Disziplinen Alibi-Siege zu feiern gibt. Gut, das ist jetzt etwas überspitzt formuliert. Aber hatten die deutschen Handballer nach dem geplatzten Sommermärchen 2006 dermaßen viel Unterstützung als es darum ging, hier doch noch den WM-Titel im eigenen Land zu holen und den von den Italienern gekränkten Nationalstolz zu kompensieren. Auch Tennis ist in der öffentlichen Wahrnehmung genauso verblasst wie die letzten Erfolge von Boris Becker und Steffi Graf zurückliegen. Leider können die Erfolge eines deutschen Radprofis wie Tony Martin leider auch aktuell keinen Hype wie einst Jan Ullrich auslösen, denn im Achtelfinale geht es gegen England für Schweini & Co. in Südafrika ums nackte Überleben. Und da herrscht trotz Vuvuzelas auf deutschen TV-Geräten Einschaltpflicht.
Fahrrad-FIFA
Doch abseits des Mainstreams wirft die kommende Tour de France ihre Schatten voraus und wir finden beim
Radsport Manager 2010 dank vollem Lizenzumfang auch alles, was der Radsportbegeisterte begehrt. Auch beim Funktionsumfang müssen wir nicht zurückstecken und können uns voll ausleben wie wir es vom Manager-Genre gewöhnt sind. So warten die 65 mehr oder weniger großen und komplett lizenzierten Teams nur darauf, dass wir bei ihnen anheuern, Trainingspläne aufstellen, die richtigen Helme einkaufen und damit die Rahmenbedingungen für den Sieg im gelben Trikot stellen. Denn der Weg dorthin ist nicht nur auf der Strecke steinig, sondern auch die Sponsorenverhandlungen gestalten sich mitunter eher zäh. Aber nicht genug, denn wer will erstellt seinen eigenen Rennstall und mischt das reale Favoritenfeld gehörig auf. Und wenn man sich für ein großes Favoriten-Team entscheidet, dann hat man genauso wie der FC Bayern München immer volle Kassen, wenn es um Ausrüstungsgegenstände geht.
Keine Pausen-Unterhaltung
Wer sich also mal eben zwischen zwei Spielen der Fussball-WM das Gelbe Trikot überstreifen will, ist komplett falsch gewickelt. Zwar kann man per Texteinblendungen und Schnell-Kalkulation etwas schneller zu Rande kommen, aber ein paar Stunden müsst ihr so oder so in
Tour de France 2010 - Der offizielle Radsport-Manager investieren. Wollt ihr im Karriere-Modus dann den ganzen Rennkalender genießen, lahmt der Spielablauf mit vielen unwichtigen Events und macht aus der Punkte-Jagd ein wiederkehrendes, monotones Ereignis. Das ist dann ungefähr so spannend, wie wenn man bei einer Partie
PES im Legenden-Modus zahlreiche Spiele abwartet, um eingewechselt zu werden.
Gut Ding will Weile haben
Ihr merkt also schon beim Lesen, dass
Tour de France 2010 - Der offizielle Radsport-Manager Einarbeitungszeit von euch verlangt. Zwar gehört es mittlerweile schon zum Genre-Standard eines jeden Ego-Shooters, dass euch die fast identische Steuerung von Spiel zu Spiel neu beigebracht wird, aber hier verlangt Cyanide Eigeninitiative von euch. Die Feinheiten des richtigen Ausbrechens und der richtigen Team-Strategie erkennt man erst nach ein paar Stunden auf dem Sattel. Auch die Menüstruktur macht euch gerne einen Strich durch die Rechnung und verteilt zusammenhängende Aktionen gerne mal über verschiedene Elemente. So vergeht wie im realen Leben einige Zeit beim Durchklicken der ankommenden E-Mails, wo es die Simulation mit dem Realismus übertreibt. Denn auf die Punkte des realen Manager-Lebens, die gar keinen Spass machen, könnte man als Spieler eigentlich gerne verzichten. Böse Zungen würden jetzt einfach sagen, dass die Entwickler ihre veraltete Menüstruktur von Serienteil zu Serienteil durchschleppen.
Dafür wird man für einen Nischenmanager mit einer richtig schön anzusehen Grafik entschädigt. Wer in
Tour de France 2010 - Der offizielle Radsport-Manager ein paar plumpen Radel-Animationen erwartet, der wird seinen Augen nicht trauen. Ein schön animiertes Fahrerfeld kämpft sich durch die gut dargestellten Etappen der Tour und passender Sound sorgt für echtes Frankreich-Feeling. Abseits der Strecke freut man sich über schön dargestellte Umgebungsgrafik und damit gehört der Radsportmanager in Sachen Darstellung für mich definitiv in die Genre-Oberhälfte. Der Kommentator trägt ordentlich zur Stimmung bei und entschädigt etwas für die gelegentlichen Grafik-Fehler oder das Mehrfach-Recycling von Fahrer- und Geländetexturen.
In Sachen Sound gibt es Nachholbedarf, weil die Zuschauermengen besonders bei der Tour de France erstaunlich passiv wirken und auch in den Menüs dröhnt Kaufhaus-Fahrstuhl-Musik aus den Boxen.
Dazu kommt, dass wir unserem Profi beim Rennen Anweisungen geben können. So leitet ihr spannende Ausbruchmannöver ein, um Zeit gut zu machen. Das klingt zwar banal, aber spielt sich so spannend wie eine Formel 1-Übertragung auf RTL. Richtig blöd ist nur: Wer das Ganze nicht als 3D-Animation, sondern der Zeit zuliebe in Text-Form betrachtet, darf seine Renntaktik im Vorfeld festlegen! Also lesen wir in aller Ruhe nach wie unser Fahrer Befehle ausführt, die beim aktuellen Stand des Felds keinen Sinn mehr machen, weswegen er Plätze einbüßt. So hat das Rennen nur noch den Charme eines Internet-Tickers.