Bald können wir mit dem PC alles machen und müssen keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Gemeint ist damit aber nicht, dass unsere Gesellschaft immer mehr auf digitale Vernetzung durch Twitter, Facebook oder das GameRadio-Forum setzt, sondern vielmehr die Simulator-Schwemme der letzten Monate. Dank unzähliger Titel können wir virtuell angeln, nehmen Fahrlektionen oder setzen aktuell die Segel. Ob der Segel Simulator 2010 von Koch Media allerdings wie viele andere Genre-Exoten in der unteren Mittelklasse versinkt oder doch zum Segeltörn einlädt, erfahrt ihr im Test.
Käpt'n Blaubär
Persönlich kann ich hier endlich mein Trauma aufarbeiten, als mich ein Dozent damals auf sein Boot zum Segeln eingeladen hatte und ich diese Einladung immer weiter vor mir hergeschoben habe. Nun ist Kontakt abgerissen und darüber ärgere ich mich noch heute, da ich diese Erfahrung eigentlich ganz gern gemacht hätte. Aber nun ist ja der passende Simulator für meine gequälte Seele erschienen - Balsam für meine gebeutelte Seele. So lege ich den Campingplatz- oder Lieferwagen-Simulator kurz beiseite und schippere los.
Bereits zu Beginn des
Segel Simulators 2010 geht es eher puristisch zu. Wer als geneigter Spieler mal in das Hobby reinschnuppern will, der muss sich vieles selbst erarbeiten. Der Entwickler verzichtet auf einen Story-Modus und hält sich mit weiterführenden Einleitungen ebenfalls bedeckt. „Learning by doing“ ist also angesagt: Wählt entweder eins der zwei Ein-Mann- oder drei der Zwei-Mann-Boote aus und setzt die Segel.
Einfacher verständlich und daher auch für den Außenstehenden spektakulär sind die zur Auswahl stehenden Orte für unsere Bootstour. Hier können wir unser Gefährt international zu Wasser lassen, indem wir Koh Hong, Schevingen oder Cabrera auswählen. Das fiktiv anmutende Treasure Island komplettiert die exotischen Schauplätze. Aber nun genug der grauen Theorie und hinein ins kühle Nass bzw. besser "auf", denn kentern will ja keiner von uns.
Allein auf hoher See
Und hier fühle ich mich Landratte endlich von den Entwicklern zumindest im Ansatz verstanden. Denn das Erste, was ich bei meiner Bootsausfahrt im
Segel Simulator 2010 unternahm, war die typischen Bezeichnungen wie Knoten auf mir bekannte Maßeinheiten umzustellen. So hat man auch an den Segel-Laien, als den ich mich hiermit outen möchte, gedacht. Trotzdem nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, dass man sowohl auf ein Tutorial wie auch auf Tooltipps verzichtet. Dafür gibt es einen in Stufen regelbaren Assistenten, der auf Wunsch auch die komplette Kontrolle übernimmt und euch damit zum Beifahrer degradiert. Teilbereiche der Bootkontrolle kann er aber auch übernehmen, so dass ihr euch in Ruhe auf das Hauptsegel konzentrieren könnt.
Positiv ist die Grafik des
Segel Simulators 2010 anzuführen, die sich aber in mehreren Stufen herunterregeln lässt. Somit sind auf dem Hochleistungs-Rechner daheim detaillierte Reisen mit schönem Wellengang möglich, aber auch auf dem ergrauten Büro-PC ist eine Segeltour rund um Mallorca möglich, dann allerdings etwas karger. Schön finde, dass der Titel zu den wenigen Spielen zählt, in denen man einigermaßen realistisches Wasser vorfindet. Klar ist, dass das kühle Nass hier natürlich ein maßgeblicher Spielinhalt ist, aber schaut man in andere Genres, wo es nur eine Randrolle spielt, begnügen sich Entwickler oft mit einer Art Ölpfütze. Spontan fällt mir hierzu
Tomb Raider ein, das gerade in Hinblick auf die Wasserbecken, in denen man unfreiwillig landet, höchst lieblos geraten ist. Pluspunkte sammelt der
Segel Simulator 2010 auch für das dargestellte Deckpersonal, das mich dabei unterstütz, wenn mein Boot realistisch sanft auf und ab im Wasser schaukelt.
Beim Sound gibt man sich realistisch. Außer dem Meeresrauschen und gelegentlichen Vogelgekreische tut sich nicht viel. Aber man kann ja so tun, als ob man tatsächlich auf hoher See ist und seinen MP3-Player mit entspannender Musik anwerfen. Als Soundtrack empfehle ich die atmosphärischen Klänge des
»Fussball Manager 10 von EA.
Wer hat Angst vor dem weißen Hai?
Verbringt man einige Stunden alleine auf den Meeren, drängt sich schnell der Vergleich zu einem Open-World-Game auf. Hier kann man zwar auch alles besichtigen, aber nur allein auf ein Fortbewegungsmittel reduziert, wird einem schnell langweilig. Denn in virtueller Umgebung fehlt es einfach an der frischen Meeresbrise, die euer Haar umspielt. Auch zusätzliche Aufgaben, um das einsame Dahinschippern unterhaltsamer zu machen, fehlen im
Segel Simulator 2010 leider gänzlich. Viel mehr hat man hier Wert auf den Online-Modus gelegt. Darin tauscht man Routen und unternimmt Wettbewerbe in den verschiedenen Bootsklassen. Hier solltet ihr allerdings bereits das Gameplay gemeistert haben, denn die verschiedenen Boote fühlen sich unterschiedlich, und wenn ich das behaupten kann, auch sehr realistisch an. Ansonsten seht ihr in den Turnieren kein Land. Mit Hilfe des Online-Modus stellt sich also abseits der virtuellen Reise auch etwas Langzeitmotivation ein, für die, die ungern ohne Sinn und Zweck die Meere bereisen.
Gelungener Landgang?
Im Endeffekt stellt sich die Frage, wer den
Segel Simulator 2010 kaufen soll. Bei den Segel-Experten dürfte das Spiel sicherlich Anklang finden kann. Schließlich ist der Titel ein Nischenprodukt und nicht immer kann der geneigte Segler auch das reale Meer bezwingen. Lizenzierte Wettkämpfe und Boote tun dann ihr Übriges. Für Anfänger und Interessierte hat man zwar ein paar Erleichterungen in das Spiel einfließen lassen, dennoch ist das Ganze zu karg präsentiert, damit es hier Anhänger finden wird. Schade, denn die ordentliche Grafik lädt zum Verweilen ein, aber wenn ihr keinerlei Ambitionen habt, euch mit dem Thema weiterführend auseinander zu setzen und nicht gerade Nischen-Simulatoren sammelt, dann solltet ihr lieber zweimal überlegen, ob ihr euch das Spiel zulegt.