Nachdem »World of Warcraft Online-Rollenspiele über die Grenzen des Videospiel-Hobbys zum Massenphänomen gemacht hat, gibt es seit Jahren immer wieder Angriffe auf den Thron des Genre-Primus. Dabei bedienen sich Entwickler und Publisher gerne etablierter Namen mit großer Fan-Basis. Doch trotz großer Titel wie Matrix, »Star Wars oder Herr der Ringe bleibt WoW der Platzhirsch. Nun kommt ein weiterer großer Name dazu: Star Trek Online. Ob uns der Titel in Spielspaß-Welten beamt, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist, finden wir bei Schiffgefechten, Planeten-Exkursionen und Spaziergängen auf der Brücke heraus. Faszinierend!
Auf Spocks Spuren
Nach dem stundenlangen Download des Clients von
Star Trek Online fand ich mich auf dem Tutorial-Schiff der Sternenflotte wieder. Recht schnell ereignet sich dort ein Angriff der Borg, der uns in die Spielmechanik einführen soll. Eigentlich schade, denn dadurch wirkt das kollektive Maschinenvolk nicht so beängstigend wie bei seinen Auftritten im TV-Universum. Dafür stellt sich recht schnell die gewohnte Trekkie-Atmosphäre ein, wenn z.B. die Drohnen plump gegen den noch mit Mühe aufrecht gehaltenen Schutzschirm laufen, in der Hoffnung, euch endlich assimilieren zu können. Kritikern, die zahlreiche Kompendien zur genauen Abmessungen aller Raumschiffe der Sternenflotte im Bücherschrank haben, fällt allerdings schnell auf, dass das gewohnte Universum für das Online-Rollenspiel angepasst wurde. So wirkt der Besuch auf der Brücke mehr wie das Aufsuchen eines Quest-Gebers anstatt wie eine Audienz bei Captain Kirk, der euch dann per Textwüste Aufträge erteilt. Auch der Bereitschaftsraum des Schiffes ist überdimensioniert groß, um Horden an neu erstellten Sternenflotten-Charakteren Platz zu bieten.
Vor ST Nemesis ist nach Sims 3
Und damit sind wir schon beim nächsten Thema, nämlich der Charakter-Generierung. Zeitlich ist
Star Trek Online nach dem
ST Nemesis-Film angelegt, in dem die sich Menschen der Sternenflotte im Kampf gegen die Klingonen befinden. Damit sind auch schon beide Fraktionen genannt, die spielbar sind. Bei der Erstellung selbst können wir uns mit wenigen Klicks z.B. eine ehemalige Borg-Drohne oder auch andere zahlreiche Rassen zusammenstellen. Man läuft so allerdings Gefahr, dass andere Spieler dann genauso aussehen. Daher gibt es die erweiterten Optionen, wo man dann auch Details wie die Gesichtsmerkmale beeinflussen kann. Dies ist aber längst nicht so komfortabel wie man es von einem
»Sims 3 gewohnt ist, sondern gleicht eher den Möglichkeiten, den eigenen Sportler in einem Fussball-Spiel zu entwerfen – sprich viele Einstellungsmöglichkeiten, aber man muss schon einige Zeit mitbringen, um auch ein brauchbares Ergebnis zu erreichen. Aber immerhin hat hier Entwickler Cryptic die Stärken von
»Champions Online auch in sein neuestes Produkt eingebaut. Leider doch auch so manche Schwäche.
An Klassen gibt es in
Star Trek Online neben den taktischen Offizieren auch die Ingenieure sowie noch die Wissenschaftsoffiziere. Will man an vorderster Front in die Schlacht ziehen, entscheidet man sich eher für den taktischen Offizier und dessen Fähigkeiten. Ingenieure überlassen das Kämpfen anderen und agieren lieber als Fallensteller per Geschützturm- und Minenfeld-Aufbau. Arbeitet man lieber mit Zaubersprüchen, entscheidet man sich für die Klasse des Wissenschaftsoffiziers. Hier setzen wir voll auf die lähmende Wirkung von Traktorstrahlen und bringen unserem Team mit speziellen Auren Vorteile im Kampf. Jede Klasse bekommt dann noch ein paar spezielle Eigenschaften, die man frei wählen darf, und fertig ist man für die Reise ins All.
Im Weltraum spricht man Denglish
Erschwerend kommt hinzu, dass man sich hier wie auch im späteren Verlauf von
Star Trek Online mit einer teilweisen Übersetzung der ganzen Menüs konfrontiert sieht. So ist das Wesentliche zwar auf Deutsch gehalten, aber hier und da schimmert einem dann doch mal ein englischer Begriff entgegen. An sich ist das nicht schlimm, stört aber etwas die Atmosphäre. Gut getroffen hat man hingegen die Entscheidung, ob man sich mehr auf PvP-Kämpfe konzentriert oder eher regulären Quests nachgeht. Denn das kriegerische Volk der Klingonen greift nicht nur uns Menschen an, sondern liegt mit sich in Form von verfeindeten Familien-Clans selbst genauso im Kampf. Der Feind meines Feindes ist also mein Freund.
Nicht per Anhalter durch die Galaxis – sondern auf der U.S.S. GameRadio
Doch als Kapitän der Sternenflotte schielt man schon mal ganz gerne auf die Gegner und überlegt sich, auch bei der verfeindeten Partei einen Charakter zu entwerfen. Denn das Gefühl erreicht jeden spätestens dann, wenn euch die Quests auf einen tristen und öden Planeten mitten im Nirgendwo dirigieren, der ganz zufallsgeneriert extrem chaotisch aussieht und die einzige Aufgabe dort darin besteht Gesteinsbrocken zu scannen. Da spielte sich die eine oder andere Mako-Mission im ersten
»Mass Effect interessanter. Dafür entschädigt wird man aber spätestens mit einem Rundgang auf der Deep Space Nine-Raumstation, wenn man das Fiepen des Tricorders nicht mehr hören will.
Das ist aber die negative Seite der unendlichen Weiten des Weltraums, der sich hier tatsächlich auch so anfühlt. Denn hier erfüllt man wie schon angesprochen nicht nur seine Aufträge hoch zu Pferd, Drache oder mit anderen Reitmöglichkeiten, sondern an Bord seines eigenen Schiffes. Hat man die Feinde im All erledigt, beamt man auf die Planetenoberfläche und erledigt dort seine Pflicht. Daher hat man sich in
Star Trek Online für ein Zwei-Schichten-Modell entschieden, was hoffentlich vom Entwickler weiter ausgebaut wird. Denn aktuell hat man es eher mit plumpen Sammel-Quests und anderen Beschäftigungstherapien zu tun. Auch die Kämpfe an sich spielen sich teils sehr action-orientiert, so dass man das Gefühl hat, mehr ein Gefecht in einem Open-World-Game wie
»inFamous zu erleben als ein mehr taktisch-geprägtes
WoW-Scharmützel.
Egal, die Übernahme einer feindlichen Raumstation, nachdem man die Flotte der Klingonen erledigt hat, macht nicht nur Serienkennern eine Menge Spaß. Zu Gute halten muss man
Star Trek Online, dass man meine Kritik bei den Weltraumgefechten schon umgesetzt hat, denn hier ist auch Strategie gefragt. Hier ist alles dabei, was man von den Reisen der Enterprise kennt – also immer eure schwache Schildseite im Auge behalten, sonst konzentriert ein Klingone noch sein Feuer darauf. Bei gelungenen Aktionen fühlt man sich also wie der junge Kirk, wenn er den von Spock erstellten Aufnahmetest geknackt hatte. Kenner des jüngsten Star Trek-Films wissen Bescheid.
Nachbesprechung
Star Trek Online bietet Einsteigern wie auch Fortgeschrittenen ein gutes MMORPG-Erlebnis. Zwar lernen diese auch die Nachteile des Genres kennen, wenn es um plumpe „Hohl und Bring“-Quests geht, doch macht man diese virtuelle Langeweile mit einem Gang auf bekannten Serienschauplätzen wieder weg. Fast nicht mehr zeitgemäß sind die Textwüsten, mit denen man seine Aufträge erteilt bekommt. Positiver Aspekt der Quests ist aber, dass sich diese weiter verzweigen und überwiegend eine interessante Geschichte erzählen – besonders wenn man die verschiedenen Rassen bereits aus der Serie kennt. Beschäftigt man sich hingegen eher selten mit Star Trek und kennt die Folgen nur vom gelegentlichen Durchzappen, bleibt ein ordentliches Spiel unter dem Strich übrig, was über die eine oder andere ausbaufähige Schwäche verfügt. Fans des Universums hingegen sehen wohl sehr gerne darüber hinweg und erleben ein atmosphärisches Rollenspiel mit Gleichgesinnten.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
