Nachdem sich Entwickler Piranha Bytes von Publisher Jowood getrennt hatte, musste man sich ja bekanntlich auch von der selbst kreierten Gothic-Serie trennen, da die Lizenz beim österreichischen Verleger liegt. Aus diesem Grund machten sich die Jungs und Mädels aus Essen daran, ein neues Franchise zu entwerfen. Entstanden ist dabei Risen. Doch ist hier wirklich alles neu? Oder handelt es sich bei dem Spiel um ein Gothic unter anderem Namen? Diese Fragen klären wir in unserem Test.
Gothic 2, Version 2.0
Zu Beginn von
Risen erwacht ihr an einem Strand. Euer Charakter war an Bord eines Schiffes, welches von einer riesigen Welle erfasst und zerschmettert wurde. Zum Glück seid ihr nicht der einzige Überlebende. Eine Frau namens Sara erwacht neben euch und führt euch schonmal ein wenig in das Spiel ein. Im Gegensatz zu euch leidet die Dame nämlich nicht unter Gedächtnisschwund - wie oft soll diese Methode, Geschichten zu beginnen, eigentlich noch verwendet werden?
Apropos Geschichte:
Risen spielt auf einer Vulkaninsel, auf der sich seltsame Ereignisse abspielen. Überall schießen alte Tempel aus dem Boden und daraus entweichen gefährliche Monster. Aus diesem Grund hat sich die Inquisition, gegründet vom König, unter dem Befehl des Inquisitors auf dem Eiland breitgemacht, die mächtige Vulkanfestung übernommen und die meisten Bewohner in die Hafenstadt gesperrt. Wer frei auf der Insel herumläuft und von den "Weißen", den Ordenskriegern der Inquisition, gefunden wird, wird gefangen genommen, in die Vulkanfestung verschleppt und dort selbst zum Ordenskrieger ausgebildet. Anschließend wird man in die Ruinen geschickt, um dort nach den alten, wertvollen Schätzen zu graben. Doch nicht alle Bürger der Insel lassen diese, ja fast schon totalitäre Herrschaft einfach so über sich ergehen. Eine Reihe von Banditen hat sich in die Sümpfe zurückgezogen und dort ein Lager an einem Tempel errichtet, wo auch diese nun nach den Kostbarkeiten gräbt.
Das Ganze erinnert stark an das gute alte
»Gothic 2. Selbiges spielte ebenfalls auf einer Insel, Khorinis, auf der es eine Hafenstadt gab. Diese wurde ebenfalls von einer Reihe von Elitekämpfern des Königs besetzt: den Paladinen, die die Ordnung aufrecht erhalten und Widerstand gegen die Orks leisten sollten. Und es gab auch hier eine Reihe von Leuten, die sich den Machthabern widersetzen: Die Bauern, angeführt vom Großbauern Onar, der eine Reihe von Banditen als Söldner um sich geschahrt hatte. Wir haben also in beiden Spielen eine Insel mit einer Hafenstadt, mit einer neuen Besatzungsmacht, einer Gruppierung, die sich dieser widersetzt und, natürlich, eine große Bedrohung. Gut, letzterer Punkt ist ja für Rollenspiele allgemein nicht unüblich. Aber was den Rest betrifft, kann man schon sagen, dass
Risen auch fast ein Remake von
Gothic 2 sein könnte. Aber wie sagt man doch so schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Und das haben die Entwickler getan.
Aus Fehlern lernen
Für viele
Gothic-Fans war Teil 3 der Serie eine große Enttäuschung: Zu wenig Story, ein langweiliges "Totklick"-Kampf-System und zu viele Bugs trübten arg den Spielspaß. Nun stellt sich die Frage: Wie sieht es bezüglich dieser Punkte bei
Risen aus?
Punkt 1, Die Story: Hier hat Piranja Bytes eine deutlich höhere Dichte versprochen, das ewige "Finde Xardas" aus
Gothic 3 sollte der Vergangenheit angehören. Und tatsächlich: Es gibt zwar nicht mehr - wie noch in
Gothic 2 - von Anfang an eine klare Hauptquest, dennoch ist die Storydichte deutlich höher als in dem inoffiziellen Vorgänger zu
Risen. Ganz zu Beginn müsst ihr euch, wie üblich, natürlich erst einmal einer der drei Fraktionen anschließen, die es in der Spielwelt gibt: Entweder ihr werdet ein Ordenskrieger der Inquisition, schließt euch den weisen Magiern der Vulkanfestung an oder geht den Weg des Banditen. Diese Entscheidung steht im Grunde im Zentrum des ersten von vier Kapiteln. Allein dieses benötigt schonmal ca. 10 Stunden,
Risen gehört also auch wieder eher zu den umfangreicheren Spielen. Leider ist die Story jedoch auch ähnlich vorhersehbar wie in
Gothic 2. Richtige Spannung kommt daher nicht auf. Fans der Serie dürfte das aber auch in dem neuen Werk des Entwicklerstudios nicht sonderlich stören. Zumal man dieses Mal eben deutlich mehr Geschichte geliefert bekommt, als noch in
Gothic 3.
Punkt 2, Das Kampfsystem: Während es in
Gothic 3 einfach nur gereicht hat, möglichst schnell zu klicken, ist nun in
Risen deutlich mehr Können gefragt. Anstatt nun nämlich zwei verschiedene Schlagvarianten ausführen zu können, ist nur eine Maustaste zum Angreifen da. Mit der rechten Taste blockt ihr die Attacken der Gegner. Außerdem führt ihr verschiedene Schläge aus, indem ihr beim Drücken der Richtungstasten variiert, ähnlich wie in
Gothic 2. Zudem hat jeder Feindtyp auch sein eigenes Angriffsmuster. Die Seegeier zum Beispiel weichen immer nach hinten aus und versuchen dann, euch anzuspringen. Wölfe hingegen sind immer gewillt dazu, euch zu umkreisen. Dadurch sind die Kämpfe deutlich abwechslungsreicher als in
Gothic 3 und machen auch viel mehr Spaß.
Natürlich gibt es in
Risen aber nicht nur den Nahkampf. Ihr könnt euch auch wieder mit einem Bogen oder einer Armbrust ausrüsten. Und es gibt auch nach wie vor Magie, deren Nutzung allerdings von eurem gewählten Karriere-Weg abhängt. Als Bandit könnt ihr nur Schriftrollen nutzen, während euch als Magier alle Zauber zur Verfügung stehen. Ordenskrieger dürfen zumindest einen Bruchteil der Artefaktmagie erlernen. Letztendlich ist es jedoch fast egal, für welche "Klasse" ihr euch entscheidet. Denn auch als Magier könnt ihr im Nahkampf guten Schaden austeilen und mit den zahlreichen Spruchrollen kommt man auch als Bandit gut aus, was das Wirken von Zaubern betrifft. Wirklichen Einfluss hat die Wahl der Fraktion also nur auf die Quests, die ihr erfüllen könnt. Hier hat Piranha Bytes Potential verschenkt.
Punkt 3, die Bugs: Das letzte Piranha Bytes-Spiel konnte man durchaus als einen der fehlerhaftesten Titel dieses Jahrtausends bezeichnen. Mit
Risen musste sich nun also einiges ändern, sonst würde das Entwicklerstudio bestimmt große Schwierigkeiten bekommen. Und tatsächlich: Das Spiel läuft absolut stabil und nahezu fehlerfrei. Lediglich der ein oder andere, kleine Grafikfehler oder hier und da mal ein Wegfindungsproblem der NPCs tritt auf. Abstürze, nicht abschließbare Aufträge oder Ähnliches gehören jedoch der Vergangenheit an. Hier hat Piranha Bytes wirklich die Arbeit geleistet, die man eigentlich in allen Spielen bisher hätte leisten müssen. Denn auch
Gothic 1 und
2 zählen bekanntlich nicht zu den fehlerfreiesten Spielen, auch wenn es hier bei weitem nicht so schlimm war, wie bei Teil 3.
Anscheinend haben die Entwickler also aus ihren Fehlern gelernt. Allerdings hat das Ganze auch einen Preis, besonders im Bezug auf die Bugfreiheit und die bessere Story: Die Spielwelt ist deutlich kleiner als in
Gothic 3. In ihrer Größe gleicht sie sehr stark der aus
Gothic 2. Genug zu entdecken gibt es jedoch nach wie vor. Allerdings wirkt die Umgebung meist schon relativ "eng". Ein bisschen größer hätte die Spielwelt also schon ausfallen können. Aber Piranha Bytes hat ja bewusst die Regler so weit zurückgefahren, da man sich, nach eigener Ansicht, bei
Gothic 3 einfach zu sehr überschätzt hatte. Und da das Spiel nun eben tadellos läuft, nimmt man die kleine Spielwelt doch gerne in Kauf.
Viel zu tun
In
Risen erwartet euch eine schier endlose Anzahl an Quests. Ständig erhaltet ihr neue Aufträge und irgendwann wisst ihr gar nicht mehr, welche ihr denn nun als erstes angehen wollt. Die Questvielfalt reicht vom einfachen "Sammel-und-Töte"-Prinzip bis hin zu Recherche-Aufgaben. Piranha Bytes liefert hierbei gute, solide Rollenspielkost ab, aber nichts wirklich Herrausstechendes. Mit einem
»Divinity 2 kann
Risen in diesem Punkt bei weitem nicht mithalten.
Aber auch abseits der Missionen gibt es, wie schon erwähnt, viel zu entdecken. In den zahlreichen Dungeons lassen sich wertvolle Gegenstände finden, die ihr entweder für viel Gold weiterverkaufen oder selber nutzen könnt. Die Höhlen und Tempel an sich sind,
Gothic-ähnlich, sehr schön designt. Besonders letztere warten oft mit Fallen auf, die es zu umgehen gilt. Hierbei ist oft Köpfchen gefragt.
Risen ist also nicht nur ein reines Action-Rollenspiel, sondern bietet auch einige Rätsel, was für Abwechslung sorgt.
Lernen, lernen, lernen
Das Charaktersystem von
Risen ist im Prinzip genau so aufgebaut, wie in den
Gothic-Spielen. Durch Levelaufstiege erhaltet ihr Lernpunkte, die ihr bei den entsprechenden Lehrern für die Steigerung oder das Erlernen eurer Fertigkeiten ausgebt. Dinge, wie das Knacken von Schlössern, das Schleichen oder auch das Ausweiden von Tieren, müssen also nach wie vor erst erspielt werden.
Eure Charakterwerte könnt ihr in einem sehr übersichtlichen Bildschirm anschauen. Überhaupt ist
Risen in Sachen Bedienbarkeit und Interface sehr gut. Alle Menüs sehen sehr schön aus und man findet sich auch als Neueinsteiger sehr gut zurecht. Auch ist das Interface nicht zu überladen. Die Steuerung an sich funktioniert tadellos. Einen Vergleich mit den ersten beiden
Gothic-Teilen wollen wir an dieser Stelle mal nicht ziehen, das sollte sich eigentlich erübrigen. Aber Piranha Bytes hat ja schon in
Gothic 3 bewiesen, dass man Bedienkomfort schaffen kann. In
Risen sieht halt alles nur nochmal hübscher aus.
Sound hui, Grafik naja
Hübscher sieht auch die Grafik aus. Allerdings ist der Schritt von
Gothic 3 zu
Risen hierbei eher gering ausgefallen. Zwar wurde das Spiel mit einer komplett neuen Engine entwickelt, den großen technischen Fortschritt gibt es jedoch nicht. Wo
Gothic 3 2006 noch mit zu den schönsten Spielen gehörte, ist der aktuelle Piranha-Bytes-Titel nur noch in die Kategorie "Ganz nett, aber mehr auch nicht" einzuordnen.
Risen ist bei weitem kein hässliches Spiel. Die Welt sieht schließlich schon sehr schön aus, was aber eher wieder damit zusammenhängt, dass jeder Baum und jeder Busch von Hand "gepflanzt" wurde, wodurch Piranha Bytes auch dieses mal wieder einen sehr organischen Look kreiert hat. Allerdings ist die Technik dahinter alles andere als auf der Höhe der Zeit. Besonders die Charaktermodelle wirken doch relativ detailarm und die Gesichter der NPCs wiederholen sich ständig. Hinzu kommen noch unscharfe Texturen. Immerhin: Die Lichteffekte sind großartig gelungen. Wenn die virtuellen Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen hindurch scheinen, sieht das einfach nur toll aus. Trotzdem hinterlässt
Risen technisch einen eher faden Beigeschmack. Da wäre mehr drin gewesen!
Dafür liefert das Spiel in Sachen Sound eine nahezu perfekte Leistung ab. Die Sprecher sind fantastisch und tragen ihre Texte sehr betont vor. Allerdings gibt es natürlich nach wie vor das Problem, dass sich die Stimmen zu oft wiederholen, was aber auch bei einer so großen Anzahl an NPC's nicht zu verhindern ist. Aber auch musikalisch ist
Risen ein Genuss. Die Stücke sind zwar nun weniger episch, als noch in
Gothic 3, und sind daher aber auch weniger aufdringlich. Die Abwechslung dabei ist sehr groß, ständig bekommt man etwas anderes zu hören. Hier müssen wir einfach ein großes Lob an Kai Rosenkranz richten, der den Soundtrack komponiert hat und dem wieder einmal ein Meisterwerk gelungen ist.
Nicht nur dank der Musik, sondern auch aufgrund der Synchronsprecher, der guten Dialoge, der detailreichen, lebendig wirkenden Spielwelt und den NPCs, die alle ihrem eigenen Tagesablauf nachgehen, hat
Risen eine fantastische Atmosphäre. Wer einmal in die Welt dieses Spiels abgetaucht ist, möchte so schnell nicht wieder heraus.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
