Im City Bus Simulator 2010 übernehmen wir die Rolle von Busfahrer Carlos und steuern seinen Mehrfach-Tonner überwiegend auf der bekannten 42nd Street vom Hudson River bis hin zum East River durch New York City. Sein Gefährt ist dabei meistens der Nova RTS T80-260 - der typische Ney Yorker Stadtbus -, mit dem er die Fahrgäste pünktlich an ihr Ziel bringen soll. astragon ist nicht der einzige Anbieter lukrativer Simulator-Software auf dem PC-Markt. Auch andere Publisher wie die Paderborner Firma Aerosoft haben offenbar das Potenzial solcher Produkte erkannt und veröffentlichen Mitte Oktober den City Bus Simulator 2010: New York als Box-Version. Doch Potenzial zu erkennen und es zu nutzen sind zwei verschiedene Dinge - das zeigt euch hoffentlich der folgende Test.
Mit Carlos auf Tour durch die große Stadt
Das Spiel, als welches ich es im Folgenden hemmungslos bezeichne, bietet drei Modi:
Freie Fahrt,
Aufgabe und
Kampagne. Letztere enthält diverse Kapitel (Missionen), die von einer Pseudo-Kriminalstory umwoben sind. Ein Bus ist spurlos verschwunden – oh mein Gott! Das deutsche voice acting sucht dabei im nicht vorhandenen Enthusiasmus der Sprecher seinesgleichen, und trotzdem freuen wir uns über eine verbale Vertonung. In GTA-ähnlicher Weise beginnt ihr bei euch zu Hause und holt eure Aufträge von eurem Vorgesetzen im Depot ab. Dafür müsst ihr zu Fuß einige Meter latschen und euch zu orientieren lernen. Glücklicherweise gibt es seit dem Patch 1.2.1 eine Ingame-Map per Pause-Taste für den begeh- und befahrbaren Stadtausschnitt. Diese zeigt blöderweise allerdings nur eure aktuelle Position an, nicht die, zu der ihr hinmüsst. Alternativ bekommt ihr über Funk oder Handy eure Aufträge und Zielorte mitgeteilt. Wenn ihr nicht gerade in eurem Stadtbus unterwegs seid, dann wahrscheinlich in einem Service-Fahrzeug, einem kleinen Pickup, mit dem ihr z.B. neue Fahrpläne aushängen sollt. Dieser steuert sich übrigens, bevor ihr den Patch 1.2.1 anwendet, quasi wie ein Bus und hat einen überirdischen Wendekreis.
Nach dem Tutorial vor Beginn der Kampagne, das mit einem frustigen Hütchen-Parcours abschließt, werdet ihr schnell feststellen, dass es nicht bei dieser Schikane bleibt. Die Kampagne überrascht euch mit nicht absehbaren Ereignissen, die zum Scheitern des Kapitels führen, wie z.B. eine Frau, die ihr nicht vor dem Parkhaus abgesetzt habt oder eine Verspätung, die dazu führt, das Fahrgäste ihre U-Bahn verpassen. Das Problem ist, dass ihr anfänglich nicht wisst, dass euch das Spiel dies nicht verzeiht, und ihr so – nachdem ihr bis zum Ende der Mission habt spielen können – schließlich mit einem Zeitungsbericht abgespeist werdet, der euch durch die Blume verrät, dass ihr versagt habt. Für die
Freie Fahrt bekommt ihr mit dem Patch 1.3 fünf neue Busse spendiert, die sich etwas spritziger als der Standardbus fahren, aber alle gleich klingen und äußerlich weniger realistisch texturiert sind. Außerdem solltet ihr nicht auf die Idee kommen, mit dem Doppeldecker-Bus im Depot zu beginnen, denn da kommt ihr aufgrund Überhöhe schlichtweg nicht mehr raus.
Im Dienst
Während ihr auf der Straße seid und eure Aufträge ausführt, ist die Zurücksetz-Tase Gold wert! Wenn der schwerfällige Bus im
City Bus Simulator 2010: New York nämlich irgendwo aneckt oder ihr eine Laterne mitnehmt, könnt ihr euch nur noch im Schneckentempo oder gar nicht mehr aus der Situation herausmanövrieren. Mit der Zurücksetz-Taste werdet ihr wieder ein paar Meter zurücktransportiert und könnt es erneut probieren. Mit Carlos zu Fuß in den Straßen New Yorks unterwegs zu sein, ist auch nicht ganz ungefährlich. Zwar könnt ihr nicht überfahren werden, von Brücken oder Häusern springen (Sprungtaste ist vorhanden!) – nein, auf diese Weise könnt ihr dem Pferdeschwanzträger seine Modesünde nicht heimzahlen. Doch bleibt unser Held des Nahverkehrs öfter in Autos stecken, wonach nur noch ein Neustart hilft, denn Zurücksetzen kann man Carlos allein nicht. Die befahrbaren Straßen sind abgegrenzt durch unsichtbare Mauern, d.h., eigentlich sind diese durch Warnzeichen markiert, nur sieht man diese oft nicht bzw. zu spät. Gerade am Anfang kommt es öfter zu einem unfreiwilligen Frontalangriff – aber welch ein Glück, es gibt ja die Zurücksetz-Taste!
Fußgänger stehen bloß am Straßenrand, und zwar wie versteinert, und sind gleichzeitig immateriell, ja getarnte Geistwesen, denn wir können schlicht durch sie hindurchfahren. Lediglich an den Haltestellen sind die vermeintlichen Fahrgäste animiert, d.h., sie stehen zwar nicht wie die Salzsäulen da, steigen aber auch nicht. Es genügt über einen gelben Lichtschein zu fahren (Anhalten nicht nötig in der
Simulation), um sie "im Geiste" mitzunehmen. Das Unfälle weder euren Bus noch andere Verkehrsteilnehmer irgendwie in Mitleidenschaft ziehen, versteht sich bei derartigen Spielen fast schon von selbst. Heizt also wie die Wildsau auf Urlaub und posiert hinter dem Steuer für ein paar schöne Blitzer-Fotos. Es sei noch das Radio erwähnt, das während des Spiels einschaltbar ist. Trotz eines haarsträubenden musikalischen Mix, der von Pop und Rock bis zu (unflätigem) Hip-Hop reicht, ist es eine nette Idee und unter New Yorker Busfahrern bekanntlich ja auch gängige Praxis, dass sie sich zweitklassige deutsche Bands während ihrer Schichten reinziehen.
Bedienung der Sinne
Damit sind wir beim Sound des
City Bus Simulator 2010: New York angelangt. Der einstellbare Radiosender
Double Bass FM gehört sicherlich noch zum Besten, was das Spiel in dieser Kategroie zu bieten hat. Ansonsten kann das Sound-Design allenfallls als durchschnittlich bezeichnet werden. Der Bus klingt gut, solange er nicht frontal mit robusteren Umweltobjekten in Berührung kommen, denn dafür scheint es genau
einen (schlechten) Ton zu geben. Optisch macht der Nova RTS T80-260 ebenfalls einen guten Eindruck und hebt sich auf diese Weise vom Rest der Fahrzeuge – auch anderen Bussen – in der Stadt deutlich ab, denn die sind schlicht, haben keine Nummernschilder und insbesondere die Verkehrs-Busse sind hässlich texturiert. Schade ist, dass unser Bus keine funktionierenden Echtzeit-Außenspiegel besitzt, sondern diese mit einer matschigen grauen Textur zugekleistert sind. Für eine Links-/Recht-Rücksicht müsst ihr die
Strg-Taste bestätigen.
Das bunte New Yorker Zentrum mit vielfältigen Details und ansehnlichen Texturen bietet grundsätzlich einiges fürs Auge und kann mit vielen Werbetafeln, Cafés, von denen wir eines auch betreten können, Wolkenkratzern, Baustellen usw. in dieser Hinsicht positiv hervorgehoben werden. Zudem gibt es im
City Bus Simulator 2010: New York einen Tag- und Nachtwechsel, verschiedene Wetterverhältnisse und Regen, der auf die Windschutzscheibe prasselt. Doch leider nimmt die Säumung der Straßen mit festgewurzelten "Passanten" und rein statischen Objekten wieder viel von diesem Anflug von Lebendigkeit weg. Zudem schaut es abseits der Busroute einfach bieder aus, in der Peripherie des Zentrums gibt es nichts Interessantes zu sehen.
Für wen?
Bereits bei astragons
»Bus-Simulator 2009 war ich mir unsicher, wem ich diesen ans Herz legen sollte. Beim
City Bus Simulator 2010 weiß ich überhaupt keinen Rat. New-York-Fans? Nein, dafür ist der Stadtausschnitt zu klein und unbelebt. Busfreunden? Eigentlich nicht, dafür ist das Fahrzeugmaterial zu beschränkt, sich zu ähnlich und Fahrgäste mitzunehmen, muss man sich vorstellen. Freunden leichter Simulationsunterhaltung? Zum Teil. Wiederum zeigt sich hier die gleiche Schwierigkeit wie schon beim
Bus-Simulator 2009: Der Bus ist realistisch, mit vielen vorbildgerechten Funktionen ausgestattet und schicke Inneneinreichtung sowie Äußerlichkeiten spielen insgesamt dem Label (Realitäts-)Simulation zu. Alles andere interferiert jedoch mit dieser guten Ausgangsposition: Ampel- und Verkehrssystem sind rudimentäre Lösungen, die Crash-Physik ist dieses Namens nicht wert, das Stadtleben hat seinen letzten Atemzug ausgehaucht. Aus guten Ansätzen wie einer Kampagne und begehbaren Welt hat man nichts Vernünftiges gemacht. So bleiben im Grunde genommen nur die Leute übrig, die diesen Artikel nicht gelesen haben, und unsere standfesten Casual-Freunde, von denen wir glaube ich mehr in Deutschland haben, als wir im ersten Moment annehmen würden. Na dann, frohes Schaffen... oder Fahren!
City Bus Simulator 2010: New York ist als Downloadversion bereits erhältlich und erscheint am 15. Oktober als Box-Version im Handel.