NCsoft rudert zurück. Nach dem ebenso ungewöhnlichen wie erfolglosen Tabula Rasa bringen die MMO-Experten ein Online-Rollenspiel heraus, das einen Kompromiss zwischen Eigenständigkeit und Genre-Standard sucht. Und findet. Aion ist sowohl für WoW-Müde als auch MMORPG-Neulinge einen Blick wert.
Licht und Schatten
Die Welt Atreia hat eine Katastrophe ereilt. Der Planet wurde wie ein Frühstücksei entzwei geschlagen. Auf der unteren sonnenlichtgefluteten Hälfte hausen die engelsgleichen Elyos. Auf dem oberen, im ewigen Schatten gehüllten Halbplaneten leben die düsteren Asmodier. Die gemeinsamen Vorfahren der beiden Engel-Fraktionen führten einen erbitterten Krieg gegen die Balaur, ausgesprochen fiese Echsenwesen mit ausgeprägtem Welteroberungs- und Zerstörungsdrang. Auch heute tobt noch dieser Kampf, beschränkt sich allerdings auf die Ebene zwischen der Heimat der Elyos und Asmodier, dem Abyss. Es herrschen also harte Zeiten, in denen ihr eurem Broterwerb als Söldner mit unbekannter Vergangenheit nachgeht. Doch schon bald kommt ihr dahinter, dass ihr vor eurem Gedächtnisverlust ein mächtiger Daeva wart. Daeva sind Gotteskrieger, die mit ewiger Jugend, mächtigen Fähigkeiten und großen Flügelschwingen ausgestattet sind. Bereits nach dem Abschluss eurer ersten, umfangreichen Kampagnen-Quest habt ihr den Aufstieg vom Menschen zum Flattermann vollzogen.
Neue Gesichter, alten Klamotten
Bevor ihr euch allerdings auf den Selbstfindungs-Trip begeben könnt, müsst ihr euch in
Aion für eine von vier Klassen entscheiden. Krieger, Späher, Magier und Priester stehen sowohl für die Elyos als auch die Asmodier zur Verfügung. Nach eurem Aufstieg zum Daeva, den ihr etwa ab Level 10 erreicht, könnt ihr dann zwischen zwei Spezialisierungen wählen. Unseren Späher Romyr haben wir beispielsweise zum nahkampferprobten Assassinen ausgebildet, hätten uns aber auch für eine Fernkämpfer-Karriere als Jäger entscheiden können. Die optischen Gestaltungsmöglichkeiten bei der Charaktererstellung sind, wie man es auch von anderen Online-Rollenspielen kennt, sehr umfangreich. Ihr könnt die äußere Erscheinung eurer Spielfigur bis ins kleinste Detail festlegen – vom Neigungswinkel der Ohren bis zum Umfang des Fußknöchels. Eure Kleidung könnt ihr jedoch leider nicht selber auswählen. In den Startgebieten kann es daher auch mal vorkommen, dass ihr einem vermeintlichen Zwillingsbruder über den Weg lauft.
Powered by CryEngine
Aion ist wirklich hübsch anzuschauen. Besonders der Detailreichtum sucht im MMO-Bereich seinesgleichen. Im Wald hoppeln drollige Eichhörnchen-Kaninchen-Kreuzungen über saftige Wiesen, in einer Kobold-Mine wird über Seilzüge Eisenerz zu Tage gefördert, in den Geschäften liegen Waren an der Theke aus. Doch die optischen Vorzüge sind nicht nur im Detail zu suchen. Der gesamte Look passt, wobei sich
Aion eines sehr dezenten Japano-Stils bedient. Die Kampfeffekte hätten allerdings etwas mehr Pepp vertragen können. Als technisches Grundgerüst dient die CryEngine vom deutschen Entwickler Crytek, der mit
»Crysis das nach wie vor schönste Computerspiel erschuf. Natürlich dürft ihr vom Online-Rollenspiel nicht die selbe optische Brillanz erwarten. Schließlich soll
Aion auch auf leistungsschwachen Rechnern laufen. Und tatsächlich: Das Spiel sieht auf unserem betagten Testsystem nicht nur klasse aus, es läuft auch flüssig. Die FPS-Automatik arbeitet erfreulich zuverlässig.
Questen lohnt sich
Viele Online-Rollenspiele langweilen durch monotone Sammelaufgaben und Botenaufträge. Natürlich gibt es auch solche in
Aion – und das nicht zu knapp. Allerdings sind die Quests ansprechend inszeniert. Ihr erforscht die entlegensten Winkel von Atreia und entdeckt dabei beispielsweise Nymphen beim Nacktbaden. Schrullige Charaktere säumen euren Weg zur totalen Gedächtniswiederherstellung. Einer von ihnen ist zum Beispiel der Einsiedler Pernos, der in einem riesigen Pilz haust und sich ein Quartett gezähmter Funghi als Haustiere hält, die „zufälligerweise“ die Vornamen der Beatles tragen. Die Belohnungen für unsere Bemühungen, meistens Erfahrungspunkte und die Spielwährung Kinah, fallen üppig aus, so dass wir gerne unser Quest-Journal füllen. Die generischen Arbeitsaufträge hingegen lohnen sich nicht. Wer fleißig Aufgaben erfüllt, wird mit raschen Levelaufstiegen belohnt, die euch zum Erlernen neuer Fertigkeiten befähigen. Bei Ausbildern könnt ihr zu Schnäppchenpreisen Fertigkeitsbücher erwerben, die nach einem Doppelklick euer Skill-Portfolio um einen Eintrag erweitern.
Strafe muss sein! Zumindest ein bisschen...
Wollt ihr nicht als Zaif-Futter enden, müsst ihr regen Gebrauch von euren Fertigkeiten machen und eure Ausrüstung stetig aufwerten. Die vorbildlich organisierte Benutzeroberfläche von
Aion ist euch dabei eine große Hilfe. Sonderfähigkeiten löst ihr blitzschnell über die Schnellzugriffsleiste aus. Fahrt ihr im erweiterbaren Inventar über einen Ausrüstungsgegenstand, wird dieser übersichtlich mit dem aktuell ausgerüsteten verglichen. Beißt ihr ins Gras, habt ihr keine schwerwiegenden Konsequenzen zu befürchten. Werdet ihr nicht innerhalb einer halben Stunde von einem Gruppenmitglied wiederbelebt, erwacht ihr am Obelisken, an den ihr euch zuletzt gebunden habt. Natürlich könnt Ihr diese Form der Wiederbelebung auch per Mausklick auslösen. Ihr solltet euch allerdings nicht sofort wieder ins Kampfgeschehen stürzen, da ihr für etwa eine Minute sämtliche Aktionen in Zeitlupe ausführt, selbst das Laufen. Zudem verliert ihr einen winzigen Anteil an Erfahrungspunkten, den ihr jedoch bei einem Seelenheiler wiederherstellen könnt.