Deck13 versucht mit Venetica zu beweisen, dass auch ein deutsches Entwicklerteam ein hochkarätiges Action-Rollenspiel auf die Beine stellen kann. In einem wundervollen Venedig versucht die Tochter des Todes das Gleichgewicht der Welt wieder herzustellen. Ob Venetica wirklich über das Leben hinaus fesselt, oder ob der vorzeitige Spieltod eintritt, wird euch unser Test verraten.
Tod dem Geliebten, Tod der Vater
Die Story von
Venetica ist im Grunde schnell erzählt. Ein Necromant schafft es, den Tod zu überlisten und erlangt dadurch Unsterblichkeit. Dadurch gerät das Gleichgewicht der Welt aus den Fugen. Da der Necromant eine gefährliche Anwesenheit auf der Welt verspürt, versucht er mit seinen Schergen, diese ausfindig zu machen und zu beseitigen.
Daraufhin gelangen Assassinen in ein kleines Dorf namens San Pasqual, in der Nähe von Venedig, wo die junge Scarlett lebt. Beim Überfall der Assasinen stirbt ihr Geliebter durch die Klinge eines der Angreifer. Im Traum erscheint ihr dann der Tod, ihr leiblicher Vater, der sie auf den Weg schickt, das Gleichgewicht der Welt wieder herzustellen. Durch diese, sagen wir einmal vorteilhafte, Verwandtschaftsbeziehung, ist es Scarlett möglich, durch die Welt der Lebenden und die der Toten - die Schattenwelt - zu wandeln. Wenn Scarlett das Zeitliche segnet, ersteht sie sogleich wieder auf und bereist die Schattenwelt, bis ihre Zeit darin abläuft oder sie beschließt, zu den Lebenden zurückzukehren. Im Verlauf von
Venetica erlernt Scarlett sogar, zwischen Leben und Tod beliebig hin und her zu wechseln…
Um diese Aufgabe zu meistern, muss sie natürlich stärker werden, neue Fertigkeiten erlernen, etliche Aufgaben lösen und jede Menge Gegner beseitigen.
Tot, aber alles andere als kalt
Wie in den meisten Rollenspielen, müsst ihr auch in der Haut von Scarlett, der hübschen Tochter des Todes, Erfahrungspunkte sammeln. Sind genügend XP vorhanden, steigt ihr einen Level auf. Dafür erhaltet ihr in
Venetica Attributs- und Fertigkeitspunkte, die ihr beliebig verteilen beziehungsweise ausgeben könnt. Die Möglichkeiten der Attribute beschränken sich allerdings auf Konstitution, Weisheit, Stärke und mentale Kraft, sind also von der Auswahl her eher begrenzt. Bei Trainern dürft ihr für eine gewisse Anzahl an Fertigkeitspunkten neue Angriffe oder passive Skills erwerben. Auch hier werden leider frühzeitig Grenzen gesetzt: Eine geringe Auswahl an Fertigkeiten verhindert eine freie Entwicklungsmöglichkeit und oft hat man fast keine Alternative und kann nur eine bestimmte Fertigkeit skillen. Dies dürfte für eingefleischte Rollenspieler entmutigend sein, da ihnen viele Entscheidungen abgenommen werden.
Auch in der Bewegungsfreiheit werden schnell Grenzen gesetzt: die Straßen, Höhlen und Wälder sind abgesteckt. Ihr bewegt euch meist nur in den Bereichen, die für das bisherige Spiel auch vorgesehen sind. Eine offene Welt kann man
Venetica also definitiv nicht zuschreiben, da zu viele Grenzen wurden. Zum Beispiel wird durch einen kleinen Hügel verhindert, die Spieltwelt auf der anderen Seite zu erkunden. Dies ist ebenfalls schade, da Spiele wie zum Beispiel
»Oblivion vor allem durch ihre komplett offene Spielwelt einen Ansporn für Erkundungen fernab der Haupthandlung bieten.
Allerdings muss auch gesagt werden, dass viele dieser Spiele nicht eine so mitreißende Handlung zu bieten haben wie
Venetica. Ihr werdet von Anfang an in die Story hineingezogen und von ihr gefesselt. Es fällt sehr leicht, sich mit der Heldin Scarlett zu identifizieren und ihrer Reise zu folgen. Auch bleiben in den Dialogen einige Freiheiten erhalten: Ihr entscheidet selbst, was ihr euer Gegenüber fragt oder was ihr antwortet. Zum Beispiel bleibt es euch überlassen, ob ihr euren Weg aus Liebe zu Benedikt, der anfangs stirbt, oder aus Rache beschreiten wollt. Ebenso müsst ihr viele Aufgaben nicht annehmen, wenn ihr nicht wollt. Ebenso steht es euch hin und wieder frei, wie ihr mit diversen Leuten interagiert: Belügt ihr sie, oder gebt ihr sofort die Wahrheit preis? Seid ihr gnädig und verzeiht, oder sinnt ihr bei den kleinsten Taten auf Rache? Diese Optionen bleiben bestehen, allerdings haben sie kaum Einfluss auf den weiteren Handlungsverlauf. Es ist also egal, wie ihr euch entscheidet. Zwar gibt es einen Ruf, der Scarlett bei verschiedenen Leuten bekannter macht, allerdings ist es vollkommen egal, ob ihr Gutes oder Böses tut, ob der Ruf also gut oder schlecht ist. Entscheidungen haben also nicht die Einflussstärke wie zum Beispiel in der
»Fable-Reihe.
Die Stadt der Verliebten
Dieser Titel von Venedig trifft in
Venetica nur in geringem Maße zu. Zwar ist das Bild der Stadt hervorragend und stimmungsvoll, allerdings seid ihr nicht im Auftrag der Liebe unterwegs. Der Grund eures Erscheinens ist schließlich die Rettung der Welt, und dies geschieht nicht durch Liebschaften im Hafenviertel.
Grafisch überzeugt
Venetica leider nicht zu 100 Prozent. Etliche kleinere Ungereimheiten, wie zum Beispiel flackernde Häuserwände, stören die schöne Aussicht von den Bergen aus. Auch im Bezug auf Details merkt man ganz deutlich, auf was viel Wert gelegt worden ist, und welche Punkte vernachlässigt wurden. Das Spiel hat zum Teil hervorragende Grafikeffekte und wundervoll designte Parts, allerdings wurde an anderen Stellen dieser Standard einfach nicht eingehalten und dadurch entsteht ein sehr durchwachsenes Gesamtbild.
Auch die musikalische Begleitung von
Venetica ist ein wenig seltsam geraten. Die Tracks an sich sind gut und passend zu den jeweiligen Spielsituationen. Stimmungsvoll und im Einklang mit dem Bild zieht euch die Hintergrundmusik immer weiter in die Story – bis der Track zu Ende ist und ein neuer beginnt. Die Übergänge der Musik sind so plötzlich, dass es schon beinahe störend wirkt. Schöne, makellose Übergänge wurden leider ausgespart und verhindern dadurch ein vollkommenes Eintauchen ins Spiel.
Ebenfalls negativ fallen kleinere Bugs auf. Zwar sind sie nicht spielbestimmend, aber dennoch störend. So verschwindet Scarlett in einem bestimmten Kamerawinkel plötzlich komplett und nur noch die Waffe ist zu sehen, wie man es schon aus
»Gothic 3 kennt. Zudem werden einige Dialoge von Schreibfehlern bestimmt. Die grundsätzlich sehr gut synchronisierten Unterhaltungen sind außerdem nicht immer lippensynchron. Manchmal reagieren die NPCs nicht so, wie man es eigentlich erwarten würde: Gleich zu Beginn reagiert eine Händlerin nur dann auf ein Ansprechen, wenn sie es gerade für passend hält. Völlig willkürlich. Hin und wieder vergessen die NPCs, dass sie ihre Lippen bewegen sollten. Beim zweiten oder dritten Versuch, klappt es dann wieder hervorragend.
Auch Leitern sind nicht unbedingt ein Freund von Scarlett - nicht immer erkennt unsere Heldin, dass sie hochklettern soll, und das Besteigen wird zur Geduldsprobe.
Ein Ziel - tot UND lebendig
Die Steuerung in
Venetica läuft über Maus und Tastatur ab, wie in den meisten Rollenspielen oder Ego-Shootern. Mit WASD bewegt ihr Scarlett, mit der Maus ändert ihr ihre Blickrichtung und durch Klicken führt ihr Angriffe aus, pariert oder interagiert mit Personen und Gegenständen. In vielen anderen Review-Artikeln wurde bemägelt, dass man mit einer Waffe in der Hand nicht interagieren kann. Dies stimmt so allerdings nicht. Durch drücken von STRG und der Aktionstaste kann man auch bewaffnet plündern oder Gegenstände aufheben. Was allerdings nicht klappt, ist beispielsweise das Öffnen von Türen - hierzu muss man die Waffe leider wegstecken. Doch häufige Handlungen - wie das Ausnehmen von Gegnern - klappen einwandfrei.
Das Kampfsystem von
Venetica ist zwar nicht perfekt, doch gut zu meistern. Nur in engen Durchgängen kann es vorkommen, dass leichte Orientierungsprobleme auftreten und der Gegner verschwindet. Auf offenem Feld oder in größeren Räumen tritt dieser Umstand nicht auf und durch gekonnte Angriffe, Paraden und Ausweichmanöver lassen sich die Gegner gut bezwingen. Über die Shorttasten von 1-7 könnt ihr besondere Fertigkeiten oder auch Tränke in das Geschehen einfließen lassen. Die Kämpfe enden zudem nicht in einer endlosen Klickorgie, den Paraden und Ausweichmanöver beeinflussen den Kampfausgang gravierend. Dadurch fließt ein geringes Maß an Überlegung in die Kämpfe ein. Auch die Gegner selbst beherrschen Paraden und Ausweichmanöver, was den Kampf ebenfalls interessanter gestaltet.
Ein völlige neues Element in der Welt der Rollenspiele stellt der Tod des Charakters dar - hier war bisher immer ein Ende erreicht und es musste mühselig vom letzten Speicherpunkt neu begonnen werden. Nicht so in
Venetica. Wenn Scarlett stirbt, und genügend Schattenenergie vorhanden ist, wandelt sie in der so genannten „Schattenwelt“ und kann sich, ungesehen von Gegnern, frei bewegen. Sobald eine neue Aktion ausgeführt wird oder die Schattenenergie zu Ende geht, erscheint Scarlett wieder in der Welt der Lebenden. Diese Fähigkeit lässt sich nutzen, um entweder das Kampfgeschehen so schnell wie möglich zu verlassen, oder um sich hinter den Gegnern zu positionieren und mit einem Angriff aus dem Hinterhalt den Kampf erneut aufzunehmen und dieses Mal zu einem besseren Ende zu führen.
Ein wirklicher Tod tritt nur dann ein, wenn keine Schattenenergie mehr vorhanden ist - aber das ist auch gut so, da das Spiel sonst zu einfach wäre. Ständiges Wiederauferstehen ist also nicht drin und ihr müsst dennoch mit euren Lebenspunkten und der Schattenenergie gut haushalten.
Im Laufe des Spiels erlernt Scarlett auch die Fähigkeit, beliebig zwischen der Schattenwelt und realer Welt zu wechseln. Dies ist auch notwendig, da bestimmte Aufgaben nur in der Schattenwelt bewältigt werden können. Beispielsweise Portale, die einem lebenden Auge verborgen bleiben. Dies stellt euch vor einige Herausforderungen und erlaubt interessante Rätsel.