Velvet Assassin hat eine wandlungsreiche Entwicklungsgeschichte hinter sich – zumindest was den Namen des Spiels und das Aussehen der Hauptdarstellerin betrifft. Zunächst firmierte der Stealth-Shooter als Sabotage mit der sexy Geheimagentin Violette Summer in der Hauptrolle. Das finale Charakterdesign fällt um einiges düsterer aus. Violette wandelt mit blasser Haut, einer Extraportion dunklem Lidschatten und ausgefallener Fönfrisur hinter den feindlichen Linien. Doch halten wir uns nicht mit Äußerlichkeiten auf. Velvet Assassin geht unter die Haut.
Einfach albtraumhaft
Violette Summer liegt schwer verletzt in einem französischen Krankenhaus. Wie die Dame in diese missliche Lage geraten ist, erzählt
Velvet Assassin in spielbaren Rückblicken. Ungewöhnlich: Die surreal angehauchte Farbgebung lässt die Erinnerungen an die letzten Geheimdienst-Einsätze unwirklich erscheinen. Gezielt eingesetzte, übertrieben starke Überstrahleffekte verleihen den Umgebungen zusätzlich einen befremdlichen Charakter. Auch ohne diese optischen Maßnahmen sind Violettes Fieberträume einprägsam. Immerhin agiert die adrette Attentäterin zum Ende des 2. Weltkriegs tief im Feindesland, wo die Verzweiflung und der Wahnsinn überall spürbar sind. So müsst ihr euch beispielsweise durch ein Warschauer Ghetto schlagen und hört in den toll vertonten, aber stimmlich arg abwechslungsarmen Gesprächen zwischen deutschen Soldaten menschenverachtende Kommentare über die hiesige Bevölkerung, während ihr an Leichen auf der Straße erschossener Zivilisten – darunter auch Kinder – vorbeischleicht.
Melancholisch bis depressiv
Oben beschriebenes Szenario macht klar, dass
Velvet Assassin harten Tobak serviert. Im Vergleich zu vielen anderen Spielen, die sich der 2. Weltkrieg-Thematik bedienen, zeigt das Machwerk des Hamburger Entwicklers Replay Studios die Amoralität eines Krieges auf. Hier gibt es nicht nur gut und böse. In Briefen lesen wir von der Zerissenheit eines Soldaten, der um sein Seelenheil fürchtet und sich den Tod herbeiwünscht. Von dieser zutiefst melancholischen Stimmung wird auch Velvet ergriffen. Eine Zyankali-Kapsel, die sie einem in Gefangenschaft geratenen Kollegen überreicht, wird in einem inneren Monolog als probates Mittel zur Erlösung dargestellt. Solche depressiven Anwandlungen sind wohl Voraussetzung für die Teilnahme an den Himmelfahrtkommandos, auf die sich Velvet begibt. Wie für einen Schleich-Shooter der Marke
Splinter Cell üblich, seid ihr auf euch alleine gestellt und müsst durch ein geschicktes Ausnutzen der Dunkelheit die zahlenmäßig weit überlegenen Gegner umschleichen oder einen nach dem anderen ausschalten.
Kreative Gegnerbeseitigung
Sobald Violette von einer lilafarbenen Silhouette umgeben wird, ist sie für den Gegner nicht mehr sichtbar. Im Gegensatz zu Sam Fisher ist Miss Summer nur bedingt in der Lage, die Lichtverhältnisse zu ihren Gunsten anzupassen. Hier und da könnt ihr zwar eine Sicherung manipulieren oder einen Strahler mit einer Kiste verdecken, doch in den meisten Fällen müsst ihr euch mit der gegebenen Dunkelheit arrangieren. Violette erweist sich bei der Gegnerbeseitigung als äußerst kreativ: Sie setzt Wasserpfützen unter Strom, entflammt Öllachen, schießt Lecks in Giftgastonnen etc. Unser Favorit: Die Granate am Gürtel eines Soldaten entschärfen, wodurch wir häufig mehrere Widersacher ausschalten können. Ein hinterrück Anschleichen mit anschließender Exekution ist natürlich auch möglich. Diese sogenannten Close Kills zelebriert
Velvet Assassin mit zahlreichen Tötungsanimationen: Ihr schlitzt dem Feind die Kehle auf, schlagt ihm mit dem Gewehrkolben den Schädel ein, treibt das Messer ins Genick usw. Das Ab 18-Siegel hat sich
Velvet Assassin redlich verdient.
Mangelware Munition
In
Velvet Assassin müsst ihr nicht ausschließlich aus dem Verborgenen agieren. Hin und wieder bekommt ihr die Gelegenheit in eine SS-Uniform zu schlüpfen und könnt so an deutschen Soldaten problemlos vorbeistolzieren, sofern ihr diesen nicht zu nahe kommt. Manchmal lässt sich eine direkte Konfrontation nicht vermeiden, etwa wenn ihr soeben Öltanks in die Luft gesprengt habt und euch die Fabrik um die Ohren fliegt. Dann bleibt natürlich keine Zeit zum Taktieren und ihr müsst die Gegner mit den wenigen Waffen, die euch
Velvet Assassin zur Verfügung stellt, aufs Korn nehmen. Violette kann neben ihrem Messer nur eine Pistole und ein Gewehr tragen. Munition ist dermaßen rar gesät, dass ihr euch jeden Schuss zweimal überlegen solltet. Ebenfalls rar gesät sind die Speicherpunkte, was beim Spielen des Öfteren einen kräftigen Tritt auf die Motivationsbremse bewirkt. Violette stirbt schnell und es ermüdet, die teilweise langatmigen Schleichpassagen immer und immer wieder anzugehen.
Nur für Veteranen
Velvet Assassin richtet sich klar an fortgeschrittene Schleichfüße. Fehler werden meistens gnadenlos bestraft. Werdet ihr entdeckt, ist der Tod fast sicher. Violette schluckt ohne Schutzweste nicht mal eine Gewehrsalve auf dem leichten Schwierigkeitsgrad. Immerhin könnt ihr einige brenzlige Situationen durch den Einsatz von Morphium noch meistern. Das Spielgeschehen friert kurzzeitig ein. Nur Violette - nun im Negligé gekleidet - kann sich bewegen und einen Gegner per Close Kill ausschalten. Durch das Aufklauben von sogenannten Sammlerstücken gewinnt ihr Erfahrungspunkte. Für 1000 Stück wird ein Fertigkeitenpunkt freigeschaltet, den ihr darauf verwenden könnt, die Wirkungszeit des Morphiums, Violettes Einsteckvermögen oder die Schleichgeschwindigkeit zu erhöhen. Die spielerischen Auswirkungen halten sich allerdings arg in Grenzen. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass die Replay Studios dieses Rollenspielelement lediglich aufgenommen haben, um die Feature-Liste um einen hippen Eintrag zu erweitern.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
