PC-Spieler mussten sich über vier lange Monate mehr als PS3- und Xbox 360-Besitzer gedulden, bis sie jetzt endlich Hand an Street Fighter 4 anlegen dürfen. Die erweiterte Wartezeit erscheint jedoch sehr flüchtig, wenn man sie mit den zehn Jahren vergleicht, die uns vom letzten Ableger der Reihe, Street Fighter III: Third Strike, getrennt haben. Street Fighter 4 nun, als die Episode der Rückeroberung, hat eine heikle Mission zu erfüllen, denn das alte Publikum hat mittlerweile zu einem breiten Teil dem Genre den Rücken gekehrt. Die PC-Version des 3D-Prüglers ist eine Umsetzung der Konsolenvarianten (»Test für Xbox 360), die im Februar erschienen, und bleibt deren Look und eingängiger Steuerung treu, bringt daneben aber auch einige Verbesserungen mit sich. Man wird Capcom daher schwerlich vorwerfen können, sich nochmal etwas Zeit genommen zu haben, angesichts der bestechenden Qualität dieser Portierung. Wie genau sich die Fortsetzung des Prügelspiel-Klassikers auf dem PC schlägt (ja, schlägt!), lest ihr in den folgenden Zeilen.
Mit
Street Fighter 4 verbindet Capcom Tradition und Modernität und lässt alte Enthusiasten und junge Amateure miteinander auf Tuchfühlung gehen. Die Kombination der beliebten Moves und Angriffe des Klassikers
Street Fighter II mit Capcoms Technik-Turnaround der dritten Generation sorgt für ein bemerkenswertes Spielerlebnis, das uns die althergebrachte Kunst des virtuellen Kampfsports aufs Neue schmackhaft machen soll. Glücklicherweise bleibt das Gameplay dabei dem traditionellen 2D-Stil treu, das den Ruhm der
Street Fighter-Saga ausgemacht hat. Grafisch erfolgte jedoch der Schwenk in die nächste Dimension - Figuren und Umgebungen werden in stilisierter 3D-Grafik dargestellt.
Hintergrund und Kämpferriege
Beim Herausbringen eines neuen Opus musste sich Capcom also einer großen Herausforderung stellen: Es ging darum, die Fans der ersten Stunde zufriedenzustellen, ohne dabei Neuankömmlinge zu verprellen. Die Entwickler taten daher gut daran, sich mit
Street Fighter II von der populärsten Episode inspirieren zu lassen. Neben den unumgänglichen Protagonisten wie Ryu und Ken werden die Nostalgiker mit den gelifteten Versionen ihrer Lieblingskämpfer bedient, darunter Chun Li, Blanka, Guile, Zangief und Dhalsim. Aber auch ganz neue Figuren haben ihren Weg ins Spiel gefunden, so z.B. der Endgegner dieser Episode und der mythische Gouken als Meister von Ryu und Ken. Die in
Street Fighter 4 berichteten Ereignisse übrigens stellen zum Teil Bezüge zum Szenario des zweiten Teils her; immer geht es jedenfalls darum, die angeblich bereits aufgelöste Organisation Shadaloo zu bekämpfen. Dieses geheimnisvolle Syndikat hat nämlich ein neues Weltturnier der Martial Arts angeleiert und die Absicht, ein Maximum von Daten über die verschiedenen Kampfstile der Teilnehmer zu gewinnen. Diese ganzen Techniken haben es ihnen ermöglicht, ein sehr starkes Klonwesen namens Seth zu erschaffen, den fiesen und zugleich leider ziemlich austauschbaren Endgegner dieses
Street Fighters.
Eine Liste der Mikroveränderungen würde vermutlich sehr lang ausfallen, aber hier eine Kurzfassung dessen, was sich getan hat und was beim Alten geblieben ist: Zangief ist fast unbesiegbar geworden, Guile schleppt immer noch seine zwei armseligen Special Moves mit sich herum und Sagat dominiert weiterhin perfekt die Kopf- und Schulterebene, womit der stets geduckt hastende und wie gewohnt Stromschläge austeilende Blanka sein schwierigster Kontrahent ist. Insgesamt jedoch ist das Gleichgewicht bei den Kämpfern geachtet, sodass der Spieler mit jeder Figur eine faire Chance hat.
Gameplay und Spielgefühl
Street Fighter 4 ist der Kunstgriff gelungen, die Simplizität von
Street Fighter II aufzugreifen, ohne die „Technizität“ von
Street Fighter III zu vernachlässigen. Zugegeben, eine Phrase die in der Berichterstattung bereits vor Veröffentlichung des Titels überschießend florierte. Deswegen ist es aber umso schöner, dass den erfreulichen Absichten noch erfreulichere Tatsachen gefolgt sind. Mit seinem klassischen Casting, das jeder Fan des Spiels auswendig kennt, vermittelt
Street Fighter 4 prompt ein wohliges Vertrautheitsgefühl. Ein Fall von Recycling? Capcom würde es vorziehen, von Rückkehr zu den Quellen zu sprechen. Das ist wahr; und trotzdem ist es schwierig hier nicht eine große Familien-Reunion zu sehen. Aber das ist eben auch, was die Stärke des Spiels zu einem großen Teil ausmacht. All diejenigen, die von der Prügelei Abstand genommen haben während der vergangenen Jahre, werden sofort ihr Revier wiedererkennen.
Der vierte Teil der Beat 'em up-Reihe ist ein Spiel mit einem anspruchsvollen Gameplay geworden, ohne jedoch vom Gemeinsterblichen völlig unspielbar zu sein – im absoluten Gegenteil. Capcom hat die perfekte Mixtur für ein zunächst sehr zugängliches Spiel gefunden, das aber durch vielfältige (Spezial-)Angriffsmöglichkeiten – mit Importierungen aus der
Alpha- und
Ex-Reihe – ein professionelles Potenzial in sich birgt, das eine gewisse Spielzeit erfordert, bis es sich in voller Kraft entfalten kann. Stundenlanger Spielspaß ist garantiert. Jedoch muss man sich beim Einzelspiel auf einen knackigen Schwierigkeitsgrad einstellen, der selbst auf
Kinderleicht am Ende des Arcade-Modus vollkommen Ungeübten schwer zusetzen wird. Die KI-Kämpfer sind teilweise unerbittlich, nutzen eure Schwachstellen gezielt aus und attackieren euch mehrmals mit derselben Masche. Hier kann ich aber nur jedem raten, sich nicht zu schnell frustrieren zu lassen, denn nach ein paar Stunden habt ihr es drauf und wisst, mit welcher Taktik ihr welchen Gegner am besten vermöbeln könnt.
Technische Umsetzung auf den PC
Gehen wir von der spielerischen Technik zur technischen Plattformumsetzung über, die nicht weniger gut gelungen ist. Man muss zweifellos anerkennen, dass Capcom die PC-Portierung hervorragend optimiert und auch in dieser Hinsicht ein absolutes Glanzstück abgeliefert hat! Mich persönlich freut das besonders, war ich doch zuletzt stets mit technisch schwachen PC-Umsetzungen von Konsolenspielen konfrontiert. Die PC-Version sieht schärfer und frischer aus und erlaubt, sehr hohe Auflösungen auszuwählen. Daneben können
Antialiasing und
Anisotrope Filterung frei reguliert werden, wobei sich die grafische Überlegenheit des PCs am klarsten herauskristallisiert. Es genügt das spielinterne Benchmark anzumschmeißen, um zu sehen, wie das Spiel seinen optischen Charme in allen Facetten zum Besten gibt. Die Zahl von verfügbaren Optionen im Menü
PC-Einstellungen ist so hoch, dass auch Spieler mit einem bescheideneren System ein befriedigendes Framerate-Ergebnis erreichen sollten, indem sie ein bisschen hier und dort schrauben. Die PC-Version bietet daneben verschiedene neue Renderfilter für die 3D-Grafik. So kann man einen
Tinten-Effekt hinzuschalten, der die Konturen des
Cel-Shading stärker akzentuiert und die Texturen glänzen lässt, einen
Aquarell- bzw.
Wasserfarben-Effekt, der dagegen das Bild aufklärt, und schließlich einen
Poster-Effekt, der den Figuren eine kunstvolle Unschärfe anhaftet. Die Aktivierung dieser optischen Aufputschmittel geht mit leichten Framerateeinbrüchen einher, die aber nur bei schwächeren Systemen eine merkliche Auswirkung auf das Spielgeschehen haben dürften.
Auch wenn es sich hier um technische Spielerei handelt, ist diese keine teure Zierde, denn das Spiel wird sogar für 10 bis 20 Euro weniger als die PS3- und Xbox 360-Version angeboten. Das Interface bzw. die Menüs haben sich im Vergleich zur Konsolen-Umsetzung so gut wie nicht verändert, wozu aber auch kein Bedarf bestand. Ebenfalls als Erbe der Ursprungsversion schleppt die PC-Fassung die etwas ungenaue Abfrage des Analog-Sticks der Gamepads mit, womit eine gewisse Gewöhnungszeit bei der Ausführung vieler Spezialattacken gefordert ist. Dennoch sollte der unbedingte Vorzug eines Joypads nicht extra erwähnt werden müssen, denn ein solch schnelles Beat 'em up wie
Street Fighter 4 per Tastatur zu meistern, ist doch arg zäh und wohl nur etwas für die Freizeit gelangweilter Japaner.
Modi und Multiplayer auf dem PC
Wenn man sich die inhaltliche Seite des Spiels ansieht, was ich hier nur kurz machen möchte (ich verweise auf den
»Xbox360-Test), ist es unmöglich, den
Arcade-Modus zu überspringen. Dieser ist es nämlich, der über die Geschichte jeder Figur aufklärt, indem er kleine Anime-Filmchen abspielt. Alle Kämpfer verfügen auch über einen Rivalen, dem sie vor dem Bosskampf trotzen müssen. Ihre Begegnungen werden von individuellen kurzen InGame-Cutscenes begleitet, die jedoch austauschbar wirken und irgendwie nichtssagend daherkommen.
Schließlich führt
Street Fighter 4 in den
Arcade-Modus ein ziemlich interessantes System ein: Indem man eine Option aktiviert, erlaubt ihr Spielern der ganzen Welt, euch zu jeder Zeit zu einem Kampf herauszufordern. Das ist ein bisschen wie, wenn beim Offline-Spiel ein zweiter Spieler auf die
Start-Taste drückt, um dazuzustoßen. Das Spiel verfügt über einen eigenständigen
Online-Modus, der via
Games for Windows LIVE funktioniert. Er ermöglicht es euch, bei entsprechenden Leistungen, Unmengen von Medaillen freizuschalten und euch in einer Online-Rangliste einen Namen zu machen. Die
Windows-LIVE-Kompatibilität bedeutet jedoch nicht, dass die kostenpflichtigen Boni von der Xbox 360 auf den PC übertragen werden könnten, geschweige denn Online-Matches zwischen beiden Plattformen möglich wären. Ein paar weitere spezielle Online-Modi als nur
Championship,
Rangliste und einfachem Zweikampf hätten daneben alles andere als geschadet. Hier war Capcom etwas einfallslos und belässt es bei einer eher rudimentären Lösung. Neben dem obligatorischen Zwei-Spieler-
Versus-Modus und einem
Herausforderungsmodus mit
Time Attack-,
Survival- und
Trial-Submodi, sei noch der wichtige
Trainingsmodus erwähnt. Dieser erlaubt euch, eure Techniken auf einer unmissverständlichen Millimeterpapier-Stage zu vervollkommnen und erinnert sehr an den
Practice Mode von
Tekken.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

