Als im Jahr 2009 »Borderlands erschien, galten Videospiele mit Celshading-Look nicht gerade als umsatzstark. Der Erfolg kam umso überraschender, als sich nicht nur Borderlands, sondern auch die zahlreichen, tollen DLCs bestens verkaufen. Wer Borderlands gespielt hat, weiss woher die Faszination rund um die Kammer-Jagd rührt. Alle andere hingegen sehen zunächst einen Egoshooter im selbstironischen Comic-Look. Doch gerade das und das überzeugende Gunplay legten den Grundstein für einen gelungenen Genremix aus Shooter und Rollenspiel. Denn die Sucht, die sich beim Spielen von Borderlands einstellt, ist gut mit dem Gefühl zu vergleichen, das wir 1997 hatten, als Diablo in unseren Laufwerken rotierte. Ständig finden wir bessere Ausrüstung, steigen im Level auf, finden bessere Ausrüstung, steigen weiter auf - die Suchtspirale setzt ein. Mit dem Nachfolger Borderlands 2 macht Gearbox keine Experimente. Größer, besser und mehr vom Gleichen - das ist Borderlands 2! Schnappt euch eine der "Bazillionen" Waffen und kommt mit uns nach Pandora.
Shooter meets RPG, Version 2.0
Wie schon im Eingangstext erwähnt handelt es sich auch bei
Borderlands 2 um einen Hybriden aus Shooter und Rollenspiel. Dabei steht und fällt jeder Aspekt des Spiels mit dem Funktionieren des jeweils anderen Parts. Und wie schon im Erstling klappt das Zusammenspiel hervorragend. Mit den zahlreichen zufallsgenerierten Waffen herum zu spielen macht eine Mordslaune, ebenso wie das Aufleveln und stetige Verbessern des eigenen Charakters.
Apropos Charaktere, davon stehen in
Borderlands 2 vier zur Auswahl. Ob ihr nun aber eine Sirene, den Commando, den Gunzerker oder den Assassinen wählt - am eigentlichen Gunplay ändert sich nichts. Das bedeutet, dass das Spielgefühl im Grunde stets gleich bleibt, die Charaktere unterscheiden sich nur in einer Fähigkeit (etwa beim Commando das platzierbare Geschütz) und zahlreichen passiven Skills. Obwohl jede Klasse nur eine einzigartige Fähigkeit bietet, schafft es das Spiel, das wir schon bald jede Charakterklasse mal ausprobieren wollen, denn die Fähigkeiten werden beinahe exzessiv genutzt und sind im späteren Spielverlauf elementar, um gegen die zahlreichen Gegner zu bestehen.
Jack und die Kammer-Jäger
Während wir in
Borderlands die Geschichte rund um die geheimnisumwobene Kammer der Pandora nur am Rande verfolgten, trumpft
Borderlands 2 mit einer spannenden Geschichte, inklusive der ein oder anderen Wendung, auf. Nachdem die Helden des ersten Teils rund um den Commando Roland die Kammer schlussendlich erreichten und die Ernüchterung um deren Inhalt groß war, gilt es nun den Aufenthaltsort einer zweiten Kammer herauszufinden. Die Ausgangslage ist also nicht unbedingt spannend. Doch schon bald werden wir eines besseren belehrt. Die erste Kammer gewährte Zugang zu einem Alienrohstoff namens Eridium, welches nicht nur die Vegetation des dürren Wüstenplaneten maßgeblich beeinflusst, sondern auch ungeahnte Kräfte beherbergt.
Neue Kammer, neue Helden - macht neuen Bösewicht. Entwickler Gearbox war sichtlich bemüht aus unserem Gegenspieler Handsome Jack einen würdigen Gegenpart zu schaffen, den man von Herzen hassen kann und darf. Schon in der wohl coolsten Eröffnungsequenz eines Videospiels made in 2012 freuen wir uns darauf, Jack mal so richtig die Leviten zu lesen. Nicht nur dass der Kerl seine eigene Oma verkaufen würde, Jack nutzt seine Firma Hyperion dazu, Angst und Schrecken auf Pandora zu verbreiten und hat ein Kopfgeld auf Kammer-Jäger ausgesetzt. Der Wettlauf um die Kammer beginnt und unser Held in spe wacht in einer unwirtlichen winterlichen Umgebung auf. Kult-Roboter CL4P-TP (genannt Clap-Trap) ist jedoch zur Stelle, buddelt uns aus und macht uns erst mal mit der Steuerung vertraut. Kurz darauf meldet sich, wie schon im ersten Teil, via Hologramm eine vertrauenswürdig klingende KI-Stimme und erklärt uns zum Auserwählten - ihr kennt das sicher aus anderen Rollenspielen. Im Verlaufe der Geschichte treffen wir unter anderem auch viele markante Persönlichkeiten aus dem Erstling, inklusive der einstigen Helden.
Wüste war gestern!
Borderlands 2 spielt sich im Grunde wie
Diablo II in Ego-Ansicht und mit einem modernem Waffenarsenal. Ausgangspunkt für die zahlreichen Quests ist die Stadt Sanctuary, in der wir überflüssige Beute verkaufen, in aller Ruhe unseren Charakter aufwerten oder unser hart verdientes Geld in Moxxis Bar am einarmigen Banditen verzocken. Besagter Automat lässt gestandene Redakteure in Windeseile zu Spielsüchtigen mutieren, die Stunden vor dem Automaten verbringen. Diese spucken nämlich immer wieder neue Waffen, kostbares Eridium oder Geld aus. In der Redaktion wird bereits eifrig über einen "Game in a Game of the Year"- Award diskutiert. Andere hingegen suchen bereits die Telefonnummer der Suchtberatung heraus.
Von Sanctuary aus reisen wir zu den massig vorhandenen Haupt- und Nebenquests, entweder per Schnellreisesystem oder wir nutzen einen von zwei Fahrzeugtypen, um über die weitläufigen Landschaften zu heizen. Ein Kritikpunkt am ersten Teil waren die monotonen Landschaften, die stets im Wüstensetting verankert waren. In
Borderlands 2 haut Gearbox so richtig auf den Putz und so kann es vorkommen, dass ihr von eisigen Schneegebieten über Sümpfe bis hin zu saftig grünen Wiesen innerhalb einer Spielstunde reist.
Wo wir gerade beim Thema Kritikpunkte am Vorgänger sind: Auch die Nebenquests fallen nun deutlich abwechslungsreicher aus. Die wohl skurrilsten Auftraggeber der Videospielgeschichte, die von absolut bekloppten 13-jährigen Mädels bis hin zu notgeilen Automechanikern reichen, erteilen fröhlich ein um die andere Aufgabe, die sich definitiv nur ein Grenzdebiler mit Hang zum bösartigem Humor und einer vermurksten Kindheit ausdenken kann. Heraus gekommen sind die spaßigsten Nebenaufträge seit
»Fallout 3. So treffen wir beispielsweise auf einen Roboter, der zum Menschen werden will. Wie das geht, fragt ihr euch? Die Antwort ist denkbar einfach: Man killt ein paar Banditen und schnappt sich deren Gliedmaßen, so dass sich besagter Roboter diese an den "Leib" binden kann. Auf dem besten Weg ein "Mensch" zu werden, stellt unser Aufraggeber zu unserem Bedauern aber schnell fest, dass es die menschlichste Eigenschaft ist, sich gegenseitig umzubringen, was natürlich in einem Gefecht endet.
Borderlands 2 ist also stehts mit einem Augenzwinkern zu genießen, die tolle Celshading-Grafik transportiert das bitterböse Geschehen aber stets unterhaltsam und nie gewaltverherrlichend.
Waffenporno
Die augenscheinlichste Qualität von
Borderlands 2 ist die schiere Menge an spielbaren Waffen, was schon dem Vorgänger zu einem Eintrag im Guinessbuch der Rekorde verhalf. Die eigentliche Kunst eines gelungenen Gunplays ist aber nicht die Quantität der verfügbaren Schiessprügel, sondern deren Qualität in der Handhabung. Es muss Spass machen die Waffe abzufeuern, sie nachzuladen, anzuvisieren - kurz: Das Gesamtpaket muss stimmen. Mit
Borderlands 2 ist Gearbox in diesem Bezug ein wahrer Waffenporno gelungen. Das Spiel spuckt immer wieder zufallsgenerierte Waffen aus, deren Zusammensetzung stellenweise schon ästhetisch anmutet. In Kombination mit der bunten Comicgrafik werden die restlos überladenen Waffen bei jedem Schuss und bei jedem Nachladen zum heimlichen Star des Spiels. Wie wäre es zum Beispiel mit einer SMG, ausgestattet mit zwei seitlich platzierten Magazinen und einem Visier, das über der Waffe schwebt, welche beim Schießen den Lauf ausfährt wie ein schneller Rennwagen seinen Spoiler?
Die Wummen unterscheiden sich dabei nicht nur optisch, sondern haben auch alle einen gewissen Seltenheitsgrad und verfügen über bestimmte Effekte, wie zusätzlichen Feuerschaden. Das motiviert den Rollenspieler in uns und so sind wir jede Sekunde im Spiel auf der Suche nach immer besseren Waffen.
Der Zwerg, der mit dem Goliath tanzt
Neben abgedrehten Waffen und ebensolchen Charakteren hat
Borderlands 2 aber noch mehr zu bieten. So gibt es unzählige verschiedene Gegnertypen, auf die ihr trefft. Da wären riesige Transformer-artige Roboter, Banditen, Monster die aus dem Boden schießen oder insektenartiges Flatterzeugs. Während die Gegner-KI nur mittelmäßig ausfällt, bestechen eure Widersacher vor allem durch ihren Einfallsreichtum. So hüpfen Zwerge zum Beispiel auf riesige Goliaths, um euch von deren Kopf aus mit Äxten zu bewerfen. Goliaths, denen ihr wiederum ihren Helm abschießt, werden rasend und greifen fortan euch und auch ihre eigenen Leute an. Hat der Goliath erstmal genug Ex-Verbündete entsorgt, steigt er im Level auf und mutiert zum
Badass Goliath. Das lässt sich einige Male fortführen, bis ihr es irgendwann mit einem riesigen
Mega Super Badass Goliath zu tun bekommt. Nicht nur die Namenswahl der Widersacher sorgt für Lacher, auch deren Design und Sprüche sorgen für breites Grinsen.
Habt ihr genug Feinde vom Bildschirm geputzt steigt ihr im Level auf und dürft einen Skillpunkt auf einen von drei Fähigkeitsbäumen verteilen. So bessern wir etwa den Phaselock der Sirene auf, der Gegner anhebt und so zu schutzlosen Kanonenfutter macht, um nun bei jedem Lock eine Feuerexplosion auszulösen. Neu sind die sogenannten Badass-Token. Diese erhaltet ihr indem ihr im Badass-Rang aufsteigt, was entweder durch simples Töten einer gewissen Anzahl an Gegnern oder aber durch spezifische Ziele wie dem Finden von
Borderlands-Zeichen in einem Abschnitt passiert. Die Token lassen sich anschließend für verschiedene Belohnungen einlösen. Die Boni wie erhöhter Schusswaffenschaden oder mehr Schildkapazität lassen sich fortan aber auch von allen anderen eigenen Charakteren nutzen. Das System ist sehr gelungen und motiviert stets weiter im Badass-Rang aufzusteigen. Um den eigenen Charakter weiter zu individualisieren lassen sich verschiedene Spielerskins und Outfits freispielen. Auch Schilde und Granattypen werden zufallsgeneriert und schon bald vergleicht man die Ausrüstung mit Freunden. Denn auch
Borderlands 2 lässt sich mal wieder mit bis zu drei Mitspielern online oder via Splitscreen gemeinsam bestreiten.
Spass mal vier
Das Singleplayer-Erlebnis von
Borderlands 2 ist gut, mit Freunden macht die Kammer-Jagd aber natürlich am meisten Spass. Mehr Spieler bedeutet auch mehr Gegner, dennoch seid ihr im späteren Spielverlauf der 40 bis 60 Stunden langen Geschichte über jede Hilfe im Kampf dankbar. Auch unsere Redaktion hat sich gemeinsam in die Jagdgründe von Pandora begeben. Wenn ihr sehen wollt wie (un-)geschickt wir uns angestellt haben, startet einfach das Video weiter oben.
Der gelungene Celshading-Look steht dem Spiel wieder bestens zu Gesicht und kaschiert auch die ein oder andere matschige Textur hier und da. Soundtechnisch gibt es ebenfalls keinen Grund zur Beschwerde. Im Gegenteil! Die treibende elektronische Musik untermalt stets passend die Action. Hinzu kommen lizensierte Tracks der Band The Heavy, die Vor- und Abspann einen stilsicheren Tarantino-Flair verleihen.
Aufgrund der rasanten Action auf dem Bildschirm kann es jedoch vorkommen, dass die Bildwiderholfrequenz auch mal einbricht. Das passiert jedoch recht selten, wenn zum Beispiel Schüsse in allen Regenbogenfarben auf euch einprasseln und bildschirmfüllende Bosse zusammen mit einer beachtlichen Anzahl an Bodentruppen auf euch einstürmen. Die Inszenierung hat sich gerade im Vergleich zum Vorgänger verbessert, hält dem Vergleich mit aktuellen Shootern aber nicht stand.
Borderlands 2 zieht seine Faszination aus den verrückten Charakteren, dem tiefschwarzen Humor, der liebevoll designten Spielwelt und aus der süchtigmachenden Grundmechanik. Dank zahlreicher Eastereggs und Anspielungen ist der neueste Gearbox-Spross eine wahre Liebeserklärung an die eigenen Fans geworden, der fehlende Innovation zwar vermissen lässt, aber wen stört das schon bei dieser Badass-Action-Orgie?!
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
