Wo ein Superheldenfilm ist, da ist auch eine Videospielumsetzung nicht weit. Im Zuge des dritten und letzten Kapitels der Nolan-Batman-Trilogie erscheint deshalb für alle Konsolen und Handhelds das passende... Moment mal, nur für Android und iPhone? Ja, ganz richtig, ausschließlich Smartphone- und Tabletbesitzer kommen in den Genuss der Spieleumsetzung von The Dark Knight Rises. PS3, Xbox 360 und Wii sowie PS Vita und 3DS gehen komplett leer aus. Ist das Lizenzspiel trotzdem einen Blick auf den Touchscreen wert?
Arkham City für die Hosentasche...?
Der Entwickler Gameloft ist inzwischen recht bekannt dafür, dass er sich Formeln beliebter Spielemarken zu eigen macht und bezüglich Steuerung und Grafik auf iPhone sowie Android-Systeme anpasst. So wirkt
Gangstar Rio, als würde es der
GTA-Reihe entstammen,
Backstab lässt euch in einem Piraten-Setting wie in den
Assassin's Creed-Spielen klettern und meucheln und
Spider-Man erinnert an dessen stationäre Open-World-Ausflüge. An welchem Spiel sich nun die Umsetzung von Christopher Nolans Batman-Film orientiert, muss wohl kaum ausgesprochen werden. Das wird spätestens klar, wenn Bane in der ersten Storymission die Börse eingenommen hat und Batman sich im Dachgewölbe über dessen Schergen auf Gargoyle-Statuen niederlässt. Von hier aus greift er aus dem Dunkeln an, wie er das schon in Rocksteadys
»Batman: Arkham Asylum und
»Batman: Arkham City tat.
Die Anlehnung an das letztgenannte Spiel ist allerdings angesichts der Filmvorlage nicht wirklich weit hergeholt: Bösewicht Bane reißt sich in dieser die Stadt unter den Nagel, weshalb sie nur von seinen Schergen bevölkert ist und die Bürger, bis auf in Not geratene, die Situation in ihren Häusern aussitzen. Im Grunde also dieselbe Ausgangssituation wie in
Arkham City, nur ohne Gefängnismauer um das begehbare Gebiet.
Über den Dächern von Gotham
Noch vor der ersten Mission, im Tutorial, werdet ihr mit einem Dialog zwischen Batman und seinem Butler Alfred begrüßt. Gleich hier fällt auf, wie sehr sich Gamelofts Synchronisations-Ambitionen gesteigert haben, da die Figuren klingen, als würden ihnen die Schauspieler der Vorlage die Stimmen leihen, obwohl dem nicht so ist. Eine deutsche Sprachausgabe gibt es nicht, hier helfen euch Untertitel. Ebenso eine Wohltat für das Gehör ist der Nolan-typische Batman-Soundtrack. Eine nicht ganz so kluge Wahl des Entwicklers war es, euch direkt zu Beginn das Gesicht von Selina Kyle (in Zivil) im Close Up zu zeigen – denn wie manch anderer Charakter hat sie ein komplett plattes Gesicht mit aufgeklebter Gesichtstextur. Zwar verfügt sie mit ihrem Catwoman-Outfit später im Spiel über mehr Polygone und sogar eine Nase, dennoch sollte Gameloft bei solch grobschlächtigen Charaktermodellen auf öfter vorkommende Nahaufnahmen verzichten.
Davon abgesehen gerät wohl jeder Tablet- und Handybesitzer ins Staunen angesichts der Optik, die sich vor seinen Augen entfaltet, sofern man nicht gerade an die PlayStation Vita gewöhnt ist. Da wäre zunächst Batman, der äußerst ansehnlich modelliert wurde. Als nächstes optisches Highlight ist hier die Heimatstadt des Fledermausmannes zu erwähnen: Im Verlauf der Story durchstreift ihr in
The Dark Knight Rises zwei Viertel des nächtlich verregneten Gothams, die von einem mehrstöckigen Schienennetz, Wolkenkratzern wie dem Wayne-Tower, Ghettos, Parks, dem aus dem Film bekannten Stadion und sogar einem Atomkraftwerk durchzogen sind. Ihr könnt die beiden Gebiete, die zusammen ein ganzes Stück größer als
Arkham City sind, völlig frei erkunden. Hierbei leisten euer Cape und der Greifhaken gute Dienste.
Wer im offenen Gotham des beliebten Konsolen-Batmans allzu hohe Gebäude vermisste, von denen er mit Batman hinabgleiten hätte können, wird an
The Dark Knight Rises seine Freude haben. Nicht nur finden sich hier genug Gelegenheiten, ihr erreicht auch schnell die Dächer der Wolkenkratzer. Dreht ihr mit der rechten Hälfte des Touchsreens die Kamera, damit Batman die Hauskante im Blickfeld hat, wird dort eine Markierung für euren Greifhaken angezeigt. Doch nicht nur auf diese Weise könnt ihr euch hinaufziehen: Sobald ihr vor einem Gebäude steht, wird am Bildschirmrand jene Markierung angezeigt und bei Aktivierung des Grapple zieht sich der Held automatisch hoch. Sehr intuitiv. Generell ging uns noch kein 3D-Smartphone-Game mit Touchsreen-Steuerung so gut von der Hand wie das Abenteuer des maskierten Rächers, sodass wir Tasten diesmal gar nicht vermissten. Sobald ihr am Gleiten seid, könnt ihr eure Flugzeit verlängern, indem ihr über Ventilationsschächte auf den Häuserdächern hinweggleitet. Das erinnert an die Ausflüge mit Leonardo Da Vincis Fluggestell in
Assassin's Creed 2, jedoch ist es auch ein Beweis dafür, dass die Entwickler nicht nur
Arkham City kopierten, sondern sich auch eigene Gedanken machten. Stellt ihr euch mit Batman auf einen Ventilatorenschacht und öffnet euren Umhang, schießt ihr direkt in die Höhe und geht in den Gleitflug über.
Während ihr zu Beginn öfter mal durch Interieurs streift (sogar als eingekerkerter Bruce Wayne in einem gut inszenierten Kapitel), seid ihr im späteren Verlauf der Story meistens in der offenen Stadt unterwegs, von einem Ausflug in das zerbombte Stadion abgesehen. Auf eurer Karte befinden sich einige rote Kreise, welche von Gegnern besetzte Gebiete markieren. Abseits der Geschichte des Spiels könnt ihr jene Areale säubern von Geiselnehmern (Schleichen ist hier angesagt!), Bombenlegern, Waffenlager beschützenden Handlangern oder auch schlicht Gegneranhäufungen sowie lahmzulegenden Transportern. Scharfe Bomben (und in der Story zu knackende Türen) entschärft ihr durch das Lösen von Rätseln, in denen ihr auf Zeit durch drehbare Panels einen Stromkreis schließt. Nicht wahnsinnig anspruchsvoll, aber ganz spaßig. Sobald ihr ein markiertes Areal betretet, informiert euch Comissionar Gordon über Funk darüber, mit welcher Situation ihr es zu tun habt. Sind die beiden begehbaren Stadtviertel befreit, könnt ihr jederzeit im Hauptmenü in der Kapitelauswahl die Säuberung des jeweiligen Gebietes erneut angehen. Sehr löblich! Was jedoch nicht so viel Lob verdient ist die Story, die gegen Ende etwas absackt, da sie euch nochmals durch die Säuberung der Viertel schickt mit dem Vorwand, ihr müsstet irgendjemandem etwas beweisen. Der kurze Endbosskampf entschädigt hierfür auch nicht gerade.
Neben den besetzten Arealen findet ihr auch andernorts in der Stadt Feinde, zu denen euch öfter mal verängstigte Bürger geleiten. Fangt ihr mit den Gegnern außerhalb einer roten Zone einen Kampf an, kommt ein Fahndungssystem zum Einsatz. Je mehr Bösewichter ihr verkloppt, desto mehr Köpfe erscheinen auf eurem HUD. Dadurch stürmen endlos Gegner auf euch ein. Mit der Zeit tauchen sogar feindliche Hubschrauber auf, an die ihr euch mit dem Grapple heranzieht, um sie per EMP auszuschalten. Das Alter Ego des Milliardärs verfügt eben über solchen Technik-Schnickschnack, womit er sogar noch nicht scharf gestellte Bomben per längerem Druck auf deren Touchscreen-Symbol unbrauchbar macht.
Oft werdet ihr auf eine Gruppe Polizisten an Straßensperren treffen (oder auch mit abgestürztem Heli auf Dächern gestrandete Cops), die Wellen von Gegnern bekämpfen. Natürlich liegt es an euch, diese abzuwehren. Kanonenfutter geht euch also in
The Dark Knight Rises nicht so schnell aus. Neben normalen Prügelknaben gibt es übrigens auch Scharfschützen und Feinde mit Raketenwerfern. Die solltet ihr bei einer Ansammlung von Gegnern natürlich zuerst ausschalten. Bevor ihr ihnen den Garaus macht, könnt ihr sie kurzzeitig mit einem elektrisch geladenen Baterang oder Rauchgranaten paralysieren. Normale Baterangs ziehen euren Widersachern geringfügig Energie ab, wobei einer davon von einem Schergen zum nächsten abprallen kann, um diesem ebenfalls zu schaden. Durch ein Upgrade werft ihr sogar bis zu drei auf einmal.
Batmans Tumbler, auch als Batmobil bekannt, kommt im Spiel übrigens nicht zum Einsatz, obwohl er als Modell vorhanden ist, da manche Gegner solche Fahrzeuge benutzen. Wahrscheinlich ist er nicht spielbar, weil Batman im Film damit nicht unterwegs ist – und sicherlich auch, um Gameloft Zeit bei der Entwicklung zu sparen. Die Vehikel, die der Protagonist im Film benutzt, dürft ihr jedoch steuern. Das wäre einmal das Motorrad alias Bat-Pod und sein Flugzeug, schlicht The Bat genannt. Das sind gute Ergänzungen, die Batmans stationären Ausflügen ebenfalls fehlten, zumal das Herumfahren mit dem Pod recht cool aussieht (zumindest, nachdem ihr es über Vespa-Geschwindigkeit hinaus aufgerüstet habt). Die Steuerung beider Transportmittel könnte jedoch um einiges präziser sein. Jedes von ihnen verfügt auch über eine Bordwaffe, der Zweiräder kann jedoch nur auf Autos schießen, diese dadurch aber nicht zerstören. Sehr merkwürdig ...
Die Fledermaus zeigt ihre Reißzähne
Wie schon erwähnt könnt ihr euch von hinten an Gegner heranschleichen. Das tut ihr, indem ihr den eingeblendeten Joystick nur sanft nach vorne antippt, sobald ihr euch in der Nähe der Schurken befindet. Fertigkeiten, wie die Distanz ab der Batman anfängt zu schleichen, könnt ihr verbessern, doch dazu gleich noch mehr. Schlägt euer Anpirschversuch fehl, geht ihr direkt in den Nahkampf über. Aus diesem könnt ihr euch natürlich jederzeit per Greifhaken zurückziehen – sehr nützlich ist hierbei die Handy-exklusive Fähigkeit des Flattermanns, markierte Gegner mit dem Greifhaken zu euch heranzuziehen. Alternativ könnt ihr euch natürlich auch über euren Feinden platzieren und von dort einen Silent Takedown vollführen, auch wenn dieser Stampfer meist alles andere als „silent“ abläuft, jedoch mit einem schicken Kameraschwenk nach oben in Szene gesetzt ist. Auch aus dem Gleiten heraus könnt ihr Gegner umhauen. Im Nahkampf gibt es wie in
Arkham City (werdet ihr die Vergleiche auch langsam leid?) einen Konter-Button. Das Kontern zeigt sich realistischer als im Vorbild, dadurch aber auch stressiger: Kontert ihr den Move eines Gegners, greifen euch öfter mal ein oder zwei weitere an. Batman verfügt hier nur über einen Konter gegen einzelne Feinde. Haben sie Schießeisen in der Hand, könnt ihr sie entwaffnen. Interessanterweise ist es wie im großen Vorbild nicht möglich, Agressoren ihre Messer abzunehmen. Zwar verfügt unser Held, wie ihr euch bei einem Smartphone-Spiel sicher denken könnt, über ein relativ begrenztes Move-Spektrum, dennoch sind seine Manöver hübsch inszeniert mit Zeitlupeneffekten und Cape-Geflatter.
Jeder besiegte Gegner gibt euch Erfahrungspunkte und lässt Wayne Coins fallen, mit denen ihr euren Charakter, eure Fahrzeuge und Gadgets aufrüsten sowie verbrauchbare Items kaufen könnt. Mit jedem Level Up von Batman erhaltet ihr zudem immer einen Spezialpunkt. Diese sind in erster Linie dafür gedacht, bestimmte Werte von Batman, seinen Vehikeln und seiner Ausrüstung aufzubessern. Coins und Erfahrung könnt ihr auch in der Kampfsimulation im Innern der Bathöhle sammeln. Dieses Training schickt euch Welle für Welle von Gegnern (Achtung, es gibt kein Ende!), denen ihr im geräumigen Unterschlupf des Helden in direkter Konfrontation oder mit Stealth-Taktiken entgegentretet.
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass auch dieses Gameloft-Spiel mit so manchen Bugs daher kommt, beispielsweise, wenn ihr Gegner an Hauskanten bekämpft und diese plötzlich in starrer Pose verharren, bevor sie sich dann auflösen und euch keine Erfahrungspunkte geben. "Game breaking Glitches" wie in
The Amazing Spider-Man, also das ständige Aufhängen des Spiels und dadurch Löschen des Speicherstandes, konnten wir jedoch glücklicherweise keine sichten.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

