Es gibt prägende Momente im Leben eines Menschen. Seinen Schulabschluss, die ersten unbedarften Schritte auf wackligen Kindesbeinen, den ersten Artikel bei GameRadio und natürlich das erste Wort, was meistens „Mama“ lautet. Gut, nicht unbedingt in der Reihenfolge, aber so ungefähr. Bei Capcom hat man jetzt einen so bedeutenden Moment. Denn das Zugpferd und Beat’em Up Kleinkind „Street Fighter“ hat nach Jahrzehnten der Grundschule bis vier Zählen gelernt und somit den ersten Milchzahn verloren. War ja auch Zeit, weil Ryu schon mehr als einmal kraftvoll zugeschlagen hat.Auch unser großes Gewinnspiel zur "Street Fighter 4", in dem ihr unter anderem zwei Collectors Editions abstauben könnt, ist nun online.
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Street Fighter vs. Videospiel-Kritiker
Mal schauen, welche Richtung "Street Fighter" mit der neuen Zahl einschlagen wird. Hat sich die Serie doch nach dem durchwachsenen Start mit „Fighting Street“ und dem SNES-System Seller „Street Fighter II“ nicht nur in Form von zahlreichen „Super-„, „Turbo-„ und „Championship Edition“ vervielfältigt, sondern auch mit „SF Alpha“ und „SF EX“ neue Wege erschlossen. Daher ist die Spannung groß, in welchem Gewand und auf welche Art man die Prügelbande nun auf den Next-Gen Konsolen wieder sehen wird, die auch außerhalb der eigenen Reihe Capcoms Ehre in den „Marvel vs. Capcom“- und „Capcom vs. SNK“-Folgen erfolgreich verteidigt haben. Wer übrigens tiefer in das gigantische Universum rund um die Straßenkämpfer eintauchen möchte, dem lege ich unser History- und Film-Special ans Herz, dass in den nächsten Tagen auf GameRadio.de zu finden sein wird.
Währet den Anfängen!
Und man merkt schnell, dass man sich mehr am Grundstein des Ruhms und an der eigentlichen Ursache der Fortsetzungs-Schwemme orientiert hat: dem ehrwürdigen "Street Fighter II". Keine Sorge, Ryu und Ken sind natürlich als Aushängeschild wieder dabei, aber ansonsten präsentiert sich eine kleine Auswahl an Charakteren der „Alpha-“ und des erweiterten Original-Casts. Und diesmal hat man euch sogar die Möglichkeit gegeben, die Obermotze Bison, Vega, Sagat und Balrog gleich von Beginn an auszuwählen, anstatt auf einen „Turbo“-Ableger warten zu müssen. So trifft also Fei Long auf Sakura und Zangief vermöbelt den armen Dan. Dabei haben sich auch klammheimlich einige Neuzugänge in die Kämpferriege gemischt. C.Viper, die ständig am Handy hängende Business-Lady, wirkt ganz Rose nachempfunden und versetzt im Stil von Urwaldaffe Blanka ihren Gegnern gefährliche Stromschläge. Abel selbst könnte ganz aus Segas „Virtua Fighter“ entstammen, so sehr ist der Judo-Experte auf Würfe und Festhalte-Moves fixiert und nicht mehr auf die genretypischen Feuerbälle. El Fuerte ist als spanischer Wrestler nicht ganz für voll zu nehmen, denn der quirlige Neuzugang bringt seine Pfanne mit zum Kampf, weil er die ganze Sache mit der perfekten Kochsendung verwechselt. Zuletzt noch Amerikaner Rufus, der dickbäuchig durch die Gegend springt und aussieht wie ein Heißluftballon. Er prügelt sich auch sogleich mit Ken um den Titel des US Champions. Hat man hier beim Charakter-Design etwas bei SNKs Wrestler Big Bear abgeschaut, gepaart mit dem Hauscharakter Cheng aus "Fatal Fury 2"?
Egal, denn die Neuzugänge passen perfekt in das Gameplay und erweitern dieses um neue Aspekte. So kontern wir fortan Ryus Attacken mit Luftangriffen, Nahkampf-Stromschlägen und Würfen, die den roten Stirnbandträger buchstäblich den Schweiß auf die Stirn treiben.
Chun-Li hat dickere Waden als die Profi-Kicker aus PES
Das Ganze ist auch stimmig und phänomenal in Szene gesetzt. Grafisch kommt die Mischung aus Cel-Shading und Anime hervorragend an und die Sprites zeigen deutlich, dass die Serie in der heutigen Zeit angekommen ist. Doch wer die „Street Fighter“-Reihe für komplett realitätsgetreu nehmen will, der wird mit dem Comic-Stil so seine Probleme haben. Zangief könnte mittels seines Muskelberges nur noch so durch die Gegend kullern und Sagat wirkt mit Augenklappe und fehlender Pupille im noch vorhandenen Auge wie ein überzeichneter Bösewicht aus „X-Men“. Doch mit der gelungenen In-Game Grafik hat man sich mit toll animierten Stages und Kämpferanimationen nicht ausgeruht, sondern das komplette Spiel durchgestylt. Fans wird allerdings schnell auffallen, dass die Kampfschauplätze an sich etwas an die bekannten Locations der zahlreichen Vorgänger erinnern, aber im Grunde genommen mehr als austauschbar daherkommen. Auf die Fresse gibts in Las Vegas genauso wie im asiatischen Dorfzentrum, womit alle Chun-Li- und Balrog-Fans ein Déjà Vu Erlebnis haben werden. Aber auch an ausgefalleneren Orten wie unter der Brücke, dem asiatischen Tempel und einem Kreuzfahrtschiff gibt es Haue für die Straßenkämpfer. Tja, eigentlich könnte man diese Stages problemlos auch in ein anderes Prügelspiel stecken. Allein die uralte Weinbrennerei erinnert an die Bonus-Stage von "Street Fighter II Turbo", wo wir alles daran setzten, die herunterfallenden Fässer in Kleinholz zu verwandeln.
360 Controller bringt Probleme mit sich
Bei den Kontrollen scheiden sich die Geister. Nicht, dass man irgendwelche Ergänzungen zu der bewährten Steuerung hinzugefügt hätte. Nein, eher ist man mit drei Kick- und drei Schlag-Buttons dem bekanntem Schema treu geblieben. Einzige Ergänzung ist die Focus Attacke, die es uns erlaubt, einen gegnerischen Angriff zu absorbieren und dann dem hilflosen und erstaunten Gegenüber eine volle Breitseite zu verpassen. Nervig hingegen ist eher das Steuerkreuz des 360-Gamepads, das unsere Tastenkombinationen des Öfteren nur schwammig umsetzt. Man bekommt zwar einen Feuerball so ohne Probleme heraus, aber oftmals häufiger als einem recht ist. Sehr schade, denn diese Schwachstelle ist seit der Umsetzung des Ur-„Street Fighter II“ für die Xbox Live Arcade bekannt. Zumindest gibt es im Internet einige Anleitungen, wie man sich einen Fighting Stick mittels 360 Wireless-Joypad zusammenlöten kann. Und das werde ich auch tun, weil man sonst aufgrund des schwammigen Steuerkreuzes öfters im Multiplayer-Duell unterlegen sein wird. Für alle Beat’em Up-Fans, die nicht so bastelwütig sind, bleibt nur zu hoffen, dass auch eine Auswahl der hervorragenden Fighting Sticks von der PS2 ihren Weg auf die Microsoft-Konsole finden werden. Genügend Gründe dafür gibt es ja jetzt.
Nicht zuletzt lohnt sich deren Anschaffungen wegen Xbox Live, denn für Online-Wettkämpfe ist der Titel wahrlich ein Geschenk. Wo sonst hat man das Glück (oder das Pech), so schnell auf unterschiedliche Gegner treffen zu können, um seinen Spielstil zu erproben und zu verfeinern. Klar blieben beim Test auch gelegentliche Lags nicht aus, aber die Freunde im Wohnzimmer vermöbelt man des Öfteren auf die gleiche Weise, da man ihre Schwachstellen mittlerweile besser kennt, als die Kombination für den Feuerball von Altmeister Ryu. Auch hat man im Gegensatz zu den beiden anderen XBox Live Arcade-Ablegern von "Street Fighter" kein Problem damit, schnell einen Gegner zu finden, da das Spiel gerade in allen Laufwerken dieser Welt zu rotieren scheint. Bedenkt aber, dass der feurige Ball jetzt eher für den Abschluß einer Kombo taugt. Hofft daher lieber nicht darauf, dass der angeschlagene Gegner versehentlich in die Lichtkugel springt. Die Sprunghöhe der Krieger wurde nämlich erhöht und der Schweif eines Sonic Booms oder Hadouken leicht verkürzt.
Generell zockt sich der neue Teil satter als alle anderen Spiele zuvor. Die Kämpfer gehen vom Charakterdesign mehr in die Breite und wirken bulliger, was sich so auch auf das Gameplay auswirkt. Wir werden eher zu kleinen Scharmützeln im Nahkampf gezwungen, als wie einst wild hopsend den Feuerball-Salven des Kontrahenten auszuweichen. Schließlich sind wir muskelbepackt und keine agilen Turmspringer. So ist es jetzt nicht mehr so ohne Weiteres möglich, mit einem Hurrican Kick in die Nähe des Gegners zu kommen, um anschließend mit einem Sprung schnell wieder Distanz herzustellen wie bei einem "Street Fighter 3". Ken muss sich hier also erstmal den Schlägen und Tritten des Gegners erwehren.
Auch die bildschirmfüllenden Super-Spezialattacken von "Marvel vs. Capcom 2" und das flippige Charakterwechseln anderer Titel mussten draußen bleiben. Hier bekommt ihr verglichen mit einem Boxkampf satte Prügelaction! Nicht so träge wie bei einer Auseinandersetzung zwischen Ringern, aber auch nicht so temporeich wie beim Karate-Turnier. Fans von Konamis Wrestling-Spiel "Rumble Roses" werden sich also im Tempowahn fühlen, für "Soul Calibur"-Fanatiker ist zuviel Nahkampf dabei und Button-Smasher eines "Marvel vs. Capcom 2" fordern mehr Charaktere und dicker aufgezogene Specials. Vergleichen lässt sich das neue Gameplay am ehesten mit einem langsameren "SF 3 Third Strike" oder einem 2D-"Virtua Fighter".
150 € für spartanische Modi
Neben der Kritik an dem drahtlosen Controller kommt, dass Capcom recht wenig auf die Disc gepresst hat. Mit „Street Fighter IV“ gibt man sich ganz puristisch. Also kein Charakter-Overkill wie in „Marvel vs. Capcom 2“ oder „SF Alpha 3“. Mit Modi wird deswegen auch gegeizt. Kein Team-Kampf oder umfangreicher Story-Mode mit Rollenspielelementen wie bei "Soul Calibur", sondern ganz einfach "Mann gegen Mann bis zum Umfallen", wörtlich wie im übertragenen Sinn. Wenn man sich also einige dutzend Mal durch den Story-Modus geprügelt und seine Charakter-Riege vollständig freigeschaltet hat, ist man vorerst arbeitslos. Auch Time Attack sowie der Survival können kaum die Langzeitmotivation aufrecht erhalten. Schade, bleibt also nur die Option mit Freunden einen gemütlichen Männerabend zu machen und sich gemeinsam über das weiße Eingabegerät von Microsoft aufzuregen. Bringen aber eure Kumpels den Fighting Stick Ex2 von Hori mit, dann entdeckt man die volle Palette der Feinheiten des Spiels. Aber erstmal rund 150 € für die zweifache Ausfertigung dieser Zusatz-Hardware anlegen, um zu entdecken, dass der Joystick gar nicht so leicht erhältlich ist und meinen persönlichen Druckpunktvorlieben alles andere als entspricht, ist ein ganz schönes Risiko.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

