Als Branchenriese Electronic Arts im letzten Jahr mit »Mirror’s Edge und »Dead Space gleich zwei neue Franchises im Weihnachtsgeschäft etablierte, waren nicht wenige Fachleute von EAs Experimentierfreude verwundert. Doch auch ein Mammut der Videospielindustrie wie EA, kann einige in Stein gemeißelte Regeln nicht einfach ignorieren. Eine dieser Regeln lautet wie folgt: Ein erfolgreiches Spiel zieht automatisch einen zweiten Teil nach sich. “So it is written and so shall it come to pass!“ Ganz gemäß dem Motto vom Urvater des Horrorgenres Edgar Allan Poe, handelt auch Electronic Arts und spendiert dem hauseigenen Schocker Dead Space einen Nachfolger. Warum es den Entwicklern dabei trotzdem gelungen ist, neue Wege zu gehen, verrät unser Test.
Obwohl Electronic Arts nicht mit der oben genannten Regeln bricht, kann das vorliegende
Dead Space Extraction wahrlich nicht als klassischer Nachfolgetitel behandelt werden. Während das vor einem Jahr erschienene
Dead Space auf Xbox360, Playstation 3 sowie dem PC veröffentlicht wurde, bringt EA den aktuellen Titel exklusiv für Nintendos Wii. Diese Entscheidung bringt nicht nur technische und steuerungsmäßige Veränderungen mit sich, sondern ändert das gesamte Gameplay von Grund auf.
Prequel To The Sequel
Mit
Dead Space Extraction erzählt Electronic Arts die packende Vorgeschichte zum letzten Teil der Serie und setzt in der Erzähllinie nur wenige Stunden vorher an. Mittelpunkt des Geschehens ist immer noch die USG Ishimura, die sich derzeit auf einer wichtigen Bergungsmission befindet. Auf dem Planeten Aegis VII wurde ein sogenannter Marker entdeckt, der von der Crew geborgen werden soll. Doch wie das Schicksal in Videospielen so oftmals spielt, läuft die Mission nicht ganz nach Plan ab. Der Einfluss des Markers hat sich offenbar auf die Besatzung der Raumstation ausgebreitet und diese in mordlüsterne Tiere verwandelt. Zunächst sind die zu beobachtenden Veränderungen rein behavioraler Natur. Treue Weggefährten haben sich urplötzlich gegen den Spieler verschworen und laufen mit gezückter Waffe auf uns zu. Mit fortschreitender Spieldauer sind die menschlichen Anteile der Gegnerschaft vollständig verschwunden. Die gesamte Raumstation ist geflutet mit den Necromorphs, die wir schon aus dem ersten Teil kennen.
Eine Besonderheit in der Erzählstruktur von
Dead Space Extraction liegt im Wechsel des eigenen Alter Egos. Immer wieder dürfen wir in die Rolle einer anderen Figur schlüpfen. Das macht die Geschehnisse zwar abwechselungsreich, ist für die Identifikation mit dem Charakter aber nicht gerade förderlich. Dies war jedoch bereits bei
Dead Space eine der (wenigen) Schwächen. Protagonist Isaac wirkte auch im letzten Jahr etwas farb- und gesichtslos.
Dabei ist die Story von
Dead Space Extraction recht facettenreich. Häufig wird die actiongeladene Ballerei von einer der zahlreichen Cutscenes unterbrochen, um die Geschichte weiter voranzutreiben. Sicherlich erreichen diese nicht gerade die epische Länge eines
Metal Gear, sind für einen Shooter jedoch schon ziemlich ausufernd.
Wie auf Schienen – das neue Gameplay von Dead Space
Ganz im Stile eines indizierten Shooters aus dem Hause SEGA, bedient
Dead Space Extraction ein bereits nahezu ausgestorbenes Genre: den Lightgun Shooter. Spielhallenfreunde älteren Semesters kennen das Spielprinzip sicherlich noch: die Spielfigur ist nicht frei steuerbar, sondern läuft automatisch durch die Spielwelt. Die Aufgabe des Spielers ist es, mit dem Pointer – in diesem Falle also der Wii Fernbedienung – auf die entsprechenden Ziele zu deuten und den Abzug zu betätigen. Durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit entsteht das Gefühl, als laufe der Charakter wie auf Schienen, was Spielen dieser Machart auch die Bezeichnung „Railshooter“ einbrachte.
Was auf den ersten Blick simpel klingt, birgt dennoch eine gute Portion spielerischer Tiefe. Denn wie so oft, liegt auch bei
Dead Space Extraction der Teufel im Detail. So erweisen sich die erhältlichen Waffen und Gimmicks – die zu einem großen Teil schon aus dem HD-Vorbild bekannt sind – als sehr vielfältig. So dürft ihr euch im Spielverlauf an abwechselungsreichen Waffen wie der Nietenpistole, einem Flammenwerfer, Maschinengewehren oder der Energiekanone erfreuen. Des Weiteren erlauben Zusatzfeatures wie der Stasisstrahler oder die Telekinesisfunktion weitere taktische Feinheiten.
Interessant ist ebenso die Sekundärfeuerfunktion der einzelnen Waffen, die durch eine 90° Drehung der Wii Fernbedienung aktiviert wird. Dies erweist sich jedoch leider oftmals als recht umständlich. An manchen Stellen im Spiel hätte ich mir eine einfache Aktivierung der Alternativwaffe durch Knopfdruck gewünscht. Gerade im Eifer des Gefechts kann es hier schon einmal zu Problemen kommen.
Die technische Seite von Dead Space Extraction
Natürlich kann die grafische Darstellung des Spiels nicht mit der HD-Optik des Vorgängers konkurrieren. Dazu sind die technischen Fähigkeiten der Wii doch zu sehr beschränkt. Zieht man aber andere Wii-Titel zum Vergleich heran, macht
Dead Space Extraction seine Sache mehr als ordentlich. Trotz einiger weniger Ruckler, rangiert der Titel unter den Grafikreferenzen für Nintendos Heimkonsole.
Auch was den Sound und die Vertonung des Spiels angeht, gibt sich Electronic Arts keine Blöße. Die Stimmen der einzelnen Charaktere bewegen sich durchweg auf hohem Niveau, sind aber leider nur in englischer Sprache verfügbar. Die deutschen Untertitel gehen ebenfalls in Ordnung. Durch die oftmals hektische Kameraführung in den Zwischensequenzen fällt es jedoch oft schwer den Texten zu folgen, so dass die Gefahr durchaus besteht, Teile der Story zu verpassen.
Nicht zuletzt durch die gezielt eingesetzten unheimlichen Klänge, gelingt es
Dead Space Extraction, ein durchgehendes Gefühl des Unbehagens aufrecht zu erhalten. Durch die Railshooter Dynamik kann
Extraction zwar atmosphärisch nicht ganz mit dem Sequel mithalten, bewegt sich in Sachen Gruselatmosphäre dennoch auf einem sehr hohen Niveau. Zart besaiteten Naturen ist das Spiel jedenfalls nicht zu empfehlen, geht es mit ihnen doch nicht gerade zimperlich um. Wie erwartet spart auch
Dead Space Extraciont nicht mit dem Einsatz von Alienblut und abgetrennten Gliedmaßen. Dennoch wurde das Spiel – im Gegensatz zum Vorgänger – in der deutschen Version leicht geschnitten. Die Schnitte beziehen sich überwiegend auf die ersten Abschnitte, da sich in diesen noch häufiger menschliche Gegner antreffen lassen. Der Qualität des Spiels schaden diese kleineren Eingriffe jedoch nicht.
Koop und Challenge Modus
Neben der – mit sechs bis acht Stunden Spielzeit etwas kurz geratenen Kampagne – hat Electronic Arts dem Spiel auch einen Challenge Modus spendiert. In diesem müsst ihr eine Gegnerwelle nach der anderen überstehen und um über euer Überleben (und um den Highscore) kämpfen. Beinahe schon Wii-typisch lassen sich die erzielten Erfolge nicht online mit anderen Spielern vergleichen.
Dafür bietet
Dead Space Extraction einen interessanten Koop-Modus. Zu zweit düst ihr durch die engen Gänge der USG Ishimura und unterstützt euch gegenseitig im Kampf gegen die Necromorphs. Der zweite Spieler darf dabei jederzeit ins laufende Spiel einsteigen. Dabei bedient sich EA einiger interessanter Gameplay-Elemente. Während etwa der erste Spieler dabei ist via Minispiel ein Türschloss zu hacken, sorgt der zweite Spieler mit Waffengewalt dafür, dass die herannahenden Monsterhorden auf Abstand bleiben.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards: