Veränderungen an erfolgreichen Spiele-Serien durchzuführen, ist eine heikle Angelegenheit – so auch beim neuesten „Burnout“: Als die Entwickler verlauten ließen, dass der jüngst veröffentlichte Serienableger in einer offenen Welt spielen werde, war das Raunen der Fan-Gemeinde groß. Ob die Skepsis gerechtfertigt war? Unser Test klärt auf.
Loco pedal ut metal ledo is
Vor sieben Jahren hat Criterion mit dem ersten Teil der „Burnout“-Reihe Geschwindigkeits-Fanatikern und chronischen Bleifüßen auf der ganzen Welt die beste Therapiemöglichkeit geliefert, um sich den Stress von der Seele zu zocken. Wer die Schnauze voll hatte vom täglichen Verkehrswahnsinn auf den überfüllten Straßen, konnte endlich virtuell all das ausleben, was ihn sonst Punkte in Flensburg, den Führerschein oder im schlimmsten Fall das Leben gekostet hätte: als Geisterfahrer über den Highway? Mit wahnwitziger Geschwindigkeit aufdringliche Drängler in die Leitplanke drücken? Criterion machte es möglich! Der jüngste Spross der Serie verlässt nun erstmals die vorgegebenen Pfade der Vorgänger und siedelt sich in einer imaginären, amerikanischen Großstadt an.
Willkommen in Paradise City
Wurdet Ihr in den Vorgängern noch durch abgesteckte Kurse gelotst, könnt Ihr neuerdings einen Landstrich von 30 Quadratkilometern frei befahren. „Paradise City“ besteht dabei nicht nur aus einer stickigen Großstadt, wie es der Name vermuten lässt, sondern ist in fünf Bezirke eingeteilt, die sich landschaftlich stark voneinander unterscheiden: Eine malerische Berglandschaft fehlt dabei ebenso wenig wie ein Hafenareal oder ein See.
Um ein Rennen zu starten, stellt Ihr euren Boliden an eine der 120 Ampeln, die über die ganze Stadt verteilt sind, und drückt gleichzeitig Gas und Bremse: Schon geht’s los! An jeder Ampel wartet eine andere Aufgabe auf euch: Während Ihr beim Standard-Rennen schlicht als erster die Ziellinie passieren müsst, kommt es im Road Rage-Modus darauf an, innerhalb eines Zeitlimits eine bestimmte Anzahl von Gegnern in einen Unfall zu verwickeln. Wollt Ihr an einem Burning-Road-Event teilnehmen, müsst Ihr euch zuerst an einem der fünf Schrottplätze den dafür vorgesehenen Wagen krallen, um dann schnellstmöglich von einem Ende der Stadt zum anderen zu brettern.
Neu bei „Paradise“ ist der Marked Man-Mode: Hier müsst Ihr einen vorgegeben Punkt auf der Karte erreichen, ohne von euren aggressiven Verfolgern in ein kompaktes Stück Schrott verwandelt zu werden. Diese stellen sich dabei äußerst gewieft an und schieben euch schon mal in den Gegenverkehr. Die Stunt-Aufgaben, bei denen es gilt, möglichst spektakulär zu boosten, zu driften und über Schanzen zu springen, stellen ebenfalls ein Novum der Reihe dar, kommen anfangs allerdings etwas schwer in Fahrt, da präzise Map-Kenntnisse vonnöten sind, um die idealen Locations aufzuspüren. Wer es gern gesellig mag, versucht sich am grandiosen Multiplayer-Modus, bei dem es auf Knopfdruck mit bis zu acht Freunden auf Spritztour geht.
Mist, verfahren!
Die grenzenlose Freiheit hat sowohl ihre Licht- als auch ihre Schattenseiten: Criterion gibt dem Spieler zu jeder Zeit eine Karte an die Hand, auf der sämtliche Straßenzüge, Kreuzungen, Werkstätten und Schrottplätze verzeichnet sind, sodass es in der Theorie nie zu Wegfindungsschwierigkeiten kommen sollte. Wie so oft klafft aber auch hier ein bedeutender Spalt zwischen Theorie und Praxis: Rast Ihr mit 200 km/h bei Rush-Hour über eine Hauptverkehrsader, werdet Ihr kaum eine Chance haben, gemütlich eure Blicke über die kleine Navigationshilfe am unteren Bildschirmrand gleiten zu lassen – macht Ihr es dennoch, könnt Ihr euch auf eine nette Zwischensequenz freuen, die zeigt, wie sich eure Karosserie in Zeitlupe an das nächstbeste Hindernis schmiegt. Folglich kommt es bisweilen vor, dass Ihr schon mal kurz vor der Ziellinie eine Ausfahrt verpasst, was der Motivation nicht gerade zuträglich ist. Wäre hier ein Richtungspfeil, der die ideale Route anzeigt, nicht die bessere Alternative gewesen?
Auf der anderen Seite spornt das riesige Gebiet immer wieder zu Erkundungen an: 120 Werbetafeln, 50 Super-Stunt-Schanzen, 400 Absperrgitter und diverse Abkürzungen sind überall auf der Karte verteilt und warten darauf, von entdeckungsfreudigen Naturen gefunden zu werden.
Vollkasko-versichert?
Technisch gibt sich „Burnout Paradise“ keine Blöße und überzeugt mit einer prachtvollen Kulisse, schön ausgeleuchteten Straßenschluchten und einem bombastischsten Schadensmodell, das die Konkurrenz weit hinter sich lässt. Wenn die Einzelteile des Fahrgestells bei einem Crash physikalisch korrekt in alle Himmelsrichtungen davonfliegen und dazu die Boxen das Klirren und Ächzen von Glas und Metall wiedergeben, schlägt das Herz eines jeden Technik-Fetischisten höher.
Beim Soundtrack stimmt Criterion härtere Töne an und lizenzierte Songs von namhaften Künstlern wie N.E.R.D., Faith No More und Guns N’ Roses. Das makellose Klangbild wird allerdings von der deutschen Besetzung der Radio-Moderatorin DJ Atomica verunziert, die ihre Kommentare monoton-säuselnd vom Blatt abzulesen scheint.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
