Die aktuelle Filmwelt hat im Vergleich zu früher deutlich mehr zu bieten: Monsterbudgets, CGI und Computertechnik, die realistischer nicht sein könnten und die für die jüngere Generation selbstverständliche Freizügigkeit, bei der unsere Großeltern vor Scham rot anlaufen würden. Doch in einem Bereich führt ganz klar das Kino vergangener Zeiten: Spannende Detektivgeschichten, die ganz ohne Effekthascherei, große Stars und aufwändige Sets auskamen. Ganz egal, ob Klassiker wie "der dritte Mann", die zahlreichen "Sherlock Holmes" Verfilmungen oder die spannenden Geschichten aus der Feder der britischen Kimiauthorin Agatha Christie - kein Film der letzten 20 Jahre vermochte es mehr, an die Atmosphäre der besagten Klassiker anzuknüpfen. Mit "Mord im Orientexpress" veröffentlicht AWE Games die nunmehr zweite Versoftung eines Agatha Christie Romans. Und siehe da: Der unerreichte Flair der Buch sowie Filmvorlage erwacht auf dem PC zu neuem Leben!
Zugfahrt ins Verderben
Der berühmte Orientexpress spielt die heimliche Hauptrolle im neusten Agatha Christie Adventure. In der Haut der Französin Antoinette Marceau, die für die Eisenbahngesellschaft des luxöriösen Zuges tätig ist, bekommt die Aufgabe, sich während der mehrtägigen Fahrt von Istanbul nach Paris um den weltbekannten Meisterschnüffler Hercules Poriot zu kümmern. Nachdem der Zug aufgrund einer Lawine im eisigen Jugoslawien stecken bleibt, der schrullige Detektiv sich während des Bremsmanövers den Knöchel verstaucht und zu allem Übel auch noch ein Mord passiert, liegt es an euch, Nachforschungen anzustellen. Es gilt Beweise zu sammeln, Zeugen zu befragen, Verbindungen der einzelnen Personen untereinander und somit Motive zu finden. Eher mit Rat als Tat steht euch Poriot zur Seite, der euch immer wieder mit wertvollen Hinweisen unterstützt. Gegen Ende der gut 18 Stunden Spielzeit dürft ihr euch schließlich auf ein wunderbar inszeniertes Ende freuen.
Wer sich bereits das Buch oder den gleichnamigen Film zu Gemüte geführt hat, muss übrigens nicht vom Spielen absehen: Die Entwickler haben die Story etwas abgeändert, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Gut so!
Nach 100 Metern bitte links abbiegen!
Bis ihr mit dem Orientexpress losrattern könnt, vergehen allerdings einige Spielminuten. In der Haut von Antoinette startet ihr inmitten von Istanbul. Gerade habt ihr euren "Klienten" Poirot entdeckt, und wollt ihn ansprechen, doch der gute Mann scheint die Batterien seines Hörgeräts ausgeschaltet zu haben und geht weiter seines Weges. Als wir die Verfolgung aufnehmen, versperren uns nach und nach diverse Personen den Weg, für die wir kleine Aufgaben erfüllen müssen, um weiterzukommen. So hat eine ältere Dame ihren Regenschirm verloren, eine andere muss zum Bahnhof geführt werden, da sie sich verlaufen hat. Skurrilerweise treffen wir all diese Personen als Zuggäste im Orientexpress wieder. Eine witzige Idee, die Charaktere einzuführen. Ist der Zug ersteinmal losgefahren, spielt sich die Handlung nahezu auschließlich in diesem ab. Ganz anders als zu befürchten ist dies allerdings nicht unbedingt von Nachteil: Dank der äußerst hübschen Gestaltung der Abteile kommt gehörig Atmosphäre auf. Außerdem hat man in Jugoslawien tatsächlich das Gefühl, mit einem potentiellen Mörder im Zug festzustecken.
Auf Sherlocks Spuren
AWE Games neustes Machwerkt ist ein klassisches Point & Click Adventure, das sich aufgrund der spannenden Kriminalgeschichte dennoch erfrischend anders spielt, als etwa "Runaway 2" oder "Geheimakte Tunguska". Rätseltechnisch geht es vorallem darum, Hinweise oder für euch nützliche Gegenstände zu finden. Kombinationrätsel gibt es ebenfalls, die Regel sind diese aber nicht. Hauptsächlich lebt der Titel von seinen gelungenen Dialogen, die sehr gut vertont wurden. Vorallem bei Zeugenbefragungen gilt es, aufmerksam hinzuhören und somit den ein oder anderen wichtigen Hinweis zu erhaschen. Da das Spiel ansich sehr daloglastig ist und zudem eine Fülle sehr gut in Szene gesetzter Zwischensequenzen bietet, sollte man als Spieler also genug Geduld mitbringen.
Luxuriöse Innenaustattung
Optisch kann "Mord im Orientexpress", wie bereits erwähnt, voll und ganz überzeugen. Lebensechte Charaktermodelle, detaillierte und insich sehr stimmige Hintergründe sowie eine schöne Ausleuchtung sorgen für Filmatmosphäre. Auch akustisch gibt es nichts auszusetzen: tolle Sprecher und ein zurückhaltender Soundtrack untermalen den virtuellen Mordfall perfekt. Hinzu kommen die sehr hübschen Zwischensequenzen und der fehlerfrei umgesetzte Stil der zwanziger Jahre.