11 Jahre ist es nun her, seit „Prey“ zum ersten Mal von 3D Realms angekündigt wurde. Zwischenzeitlich verschwand der Titel in der Versenkung, um Anfang 2005 überraschend wieder aufzutauchen. Ob sich die lange Wartezeit gelohnt hat, erfahrt ihr in unserem Review.
Tommy und die Aliens
Eigentlich beginnt alles recht friedlich. Der Cherokee Tommy (das seid ihr) redet noch gemütlich mit seinem Großvater und anschließend mit seiner Freundin Jen in deren Bar. Tommy gefällt es nicht wirklich im Indianerreservat, in dem er lebt und er würde gerne mit Jen in die große weite Welt ziehen. Doch dann kommt alles anders als gedacht: In Teilen der USA tauchen merkwürdige Lichter auf, auch über der Bar. Nach und nach werden alle Besucher sowie das Haus selbst in ein riesiges Raumschiff gesaugt. Als Tommy aufwacht, ist er an einem Transportgerät befestigt und bewegt sich durch das unbekannte und riesige Schiff. Nur mit Hilfe eines Verbündeten kann er sich befreien. Da ihm kurze Zeit später auch noch die Waffe eines Aliens in die Hände fällt, beginnt er sogleich einen kleinen Privatkrieg gegen die Außerirdischen, denn die haben immer noch seine Freundin gefangen und zugleich noch seinen Großvater getötet. Das lässt der gute Tommy natürlich nicht so einfach auf sich sitzen, und so beginnt ein ebenso spaßiges, wie ungewöhnliches Abenteuer.
Rauf und runter
So steht ihr nun da im Raumschiff der Außerirdischen und macht euch auf die Suche nach eurer Freundin. Schon bald fallen euch die ersten merkwürdigen Dinge auf: Aliens tauchen durch Portale auf und greifen euch an, auch ihr selbst dürft recht häufig solche Portale benutzen, um damit an entlegene Schalter zu gelangen oder weiter im Level voranzukommen. An bestimmten Stellen kann man sogar an der Wand oder der Decke entlang laufen. Dabei solltet ihr möglichst die Augen in alle Richtungen offen halten, denn auch von unten kann der Feind weiterhin angreifen, ebenso direkt von diesen Wandgängen. Recht früh im Spiel lernt der Spieler mit Hilfe des verstorbenen Großvaters, dessen Ende man im Übrigen mit ansehen musste, den Spirit Walk und den Death Walk kennen. Der Spirit Walk kommt im Verlauf des Spiels immer wieder zum Einsatz. Dabei verlasst ihr euren Körper und könnt damit Stellen erreichen, die sonst nicht in Reichweite wären, etwa wenn der Geist durch ein Kraftfeld marschiert und dieses am anderen Ende deaktiviert. Normalerweise entdecken euch Feinde in diesem Modus nicht, allerdings lassen sich auch Angriffe mit Hilfe des Indianerbogens ausführen. Dieser verwendet Geisteskraft als Munition, die ihr wieder aufladen könnt, indem die Seelen von getöteten Feinden aufgesammelt werden.
Sollte Tommy dennoch einmal das Zeitliche segnen, kommt eines der sinnvollen Features zum Einsatz, nämlich der oben bereits erwähnte Death Walk. In einer Todeswelt könnt ihr eure Lebensenergie und Geisteskraft für kurze Zeit mit dem Abschuss von Geistern wieder auffüllen. Treffer von roten Geistern füllen eure Gesundheit wieder auf, blaue erhöhen die Geisteskraft. Anschließend werdet ihr, ohne eine einzige Ladepause, wieder unmittelbar an den Ort des vorherigen Ablebens versetzt.
Ballern und Rätseln
Knapp die Hälfte der Spielzeit verbringt ihr mit dem Kampf gegen die Außerirdischen, der Rest dreht sich um verschiedenste Rätsel, wo wiederum die Physik-Engine und der Spirit Walk miteinbezogen werden. Das große Ziel ist zwar, die Freundin zu befreien, aber ansonsten bewegt man sich einfach nur ohne wirkliche Nebenziele durch die Level und versucht dabei lediglich, zum nächsten Abschnitt zu gelangen. Erst gegen Ende kommen noch einmal Fahrt und Emotionen in die Geschichte. Mehr sei an dieser Stelle aber noch nicht verraten. Es lohnt sich übrigens auch, den kompletten Abspann abzuwarten, denn anschließend passiert noch etwas. Insgesamt ist das Spiel aber recht kurz geraten, geübte Spieler dürften nach ca. sechs Stunden bereits mit dem Endgegner fertig sein.
Trotz der teilweise gelungenen Spielereien ist „Prey“ ansonsten aber eher Standardkost. Die einzigen Ausnahmen stellen zum einen eben die schon angesprochenen Knobelaufgaben dar. Dabei können selbst erfahrene Spieler schon mal kurz den Überblick verlieren, wenn sich etwa Räume drehen und dabei alles durch die Gegend fliegt und anschließend auf dem Kopf steht. Zum anderen sorgen gelegentliche Flüge in einem Shuttle für Abwechslung zur normalen Ballerei. Damit bewegt ihr euch nicht nur zu anderen Andockstationen, sondern verfügt neben einer Waffe auch über einen Traktorstrahl. Mit diesem lassen sich unter anderem im Weg befindliche Objekte zur Seite schaffen, aber auch Feinde kann man damit heranziehen und in Abgründe fallen lassen. An vier Stellen im Spiel warten zudem Bossgegner auf euch. Diese können nicht einfach durch stupides Draufballern erledigt werden, sondern erfordern eine gewisse Taktik sowie die Nutzung der Umgebung.
Für die Bekämpfung der Aliens stehen euch mehrere unterschiedliche Waffen zur Verfügung, die, mit Ausnahme der Rohrzange, allesamt von den Außerirdischen stammen und ein ziemlich organisches Design besitzen. Die Palette reicht dabei vom einfachen Gewehr mit alternativem Scharfschützenmodus über eine Säure feuernde „Schrotflinte“ bis hin zum Raketenwerfer. Jede der Waffen verfügt über eine zweite Funktion: Die Wurmkanone lässt sich etwa mit im Raumschiff verteilten Stationen mit vier verschiedenen Munitionsarten aufladen. Aufgrund der nicht immer vorhandenen Munition, kann man sich jedoch nicht nur auf seine Lieblingswumme beschränken. Gut so, denn manche Gegner sind mit der einen Waffe schneller zu besiegen als mit der anderen.
I'm doomed
„Prey“ verwendet für die grafische Darstellung die „Doom 3“-Engine. Das merkt man vorallem an den so gut wie nicht vorhandenen Außenlevels. Ansonsten glänzt das Spiel aber mit schicken Effekten, hoch aufgelösten Texturen und ist zudem noch sehr gut optimiert. Ein kleines Manko sind die teilweise recht eckigen Charaktere. Wie es besser geht, zeigt Valve mit „Half-Life 2“. Im Gegensatz zu „Doom 3“ ist „Prey“ aber wesentlich heller, was das Leveldesign angeht. Sollte es doch mal zu dunkel werden, dann aktiviert man einfach per Tastendruck das Feuerzeug. Als kleine Anspielung auf „Doom 3“ kommentiert Tommy einen dunklen Raum nebenbei mal mit den Worten „I'm doomed“.
Professionelle Musikunterstützung hat Entwickler Human Head Studios vom bekannten Komponisten Jeremy Soule erhalten, welcher unter anderem auch für die Melodien in „The Elder Scrolls 4: Oblivion“, „Guild Wars: Factions“ oder „Star Wars: Knights of the Old Republic“ verantwortlich war. Abgesehen davon gibt es in bestimmten Situationen, genauer gesagt an der Musikbox in der Bar, sogar einige lizenzierte Musiktitel zu hören. Dazu zählen etwa Songs wie „Barracuda“ von Heart oder „You've Got Another Thing Comin“ von Judas Priest. Ebenso gut gelungen ist auch die englische Sprachausgabe, welche auch in der deutschen Version zu hören ist. Hier gibt es lediglich übersetzte Untertitel, was der Atmosphäre des Spiels aber nicht schadet.
Die Gegner, auf die ihr im Spielverlauf trefft, verhalten sich teilweise clever. Die Jäger etwa suchen Deckung, werfen Granaten oder nehmen euch aus der Entfernung mit dem Scharfschützenmodus aufs Korn. Andere Gegner wiederum versuchen eure Bewegungen vorauszusehen, ziehen sich aber auch zurück, wenn der Spieler ihnen zu sehr zusetzt. Sollte man einmal vor einem Gegner fliehen müssen, dann am besten einfach hinter eine Tür, denn diese öffnen sich nicht für die KI-Gegner. Das „Prey“ stark geskriptet ist, merkt man am Auftauchen der Widersacher. Portale öffnen sich nämlich erst, wenn ihr wirklich in die Nähe eines besimmten Ortes kommt, im Spirit Walk passiert hingegen nichts.
MultiPrey
Wie fast jeder gute Shooter verfügt auch „Prey“ über einen Multiplayer-Modus. Allerdings wird dieser der guten Vorlage aus dem Singleplayer nicht ganz gerecht. Zwar gibt es auch hier Wandgänge oder Portale, dafür verliert man in den mittelmäßig designten Levels recht schnell die Übersicht. Ebenfalls verfügbar ist der Spirit Walk, womit man zum Beispiel kurz hinter Kraftfelder gelangen kann. Ansonsten ist der Modus eher nutzlos. Außerdem bietet „Prey“ nur die beiden Spielmodi Deathmatch und Team-Deathmatch, jeweils mit bis zu acht Spielern. Da wäre mehr möglich gewesen, speziell im Hinblick auf weitere Spielvarianten oder den Spirit Walk.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

