Bei einigen Spielen weiß man selbst nach jahrelangem PR-Geblubber noch nicht so recht, was einen im angepriesenen Machwerk erwarten soll. Auch „LittleBigPlanet“ ist ein solcher Kandidat, den einige von euch vielleicht schon als knuffiges Jump’n’Run abgestempelt und entsprechend aus der geistigen Releaseliste gestrichen haben. Zu Unrecht, denn LBP ist deutlich mehr und dürfte nicht nur Mario- und Sonic-Fans begeistern, sondern dem angestaubten Genre ein Revival verschaffen. Wir haben uns durch die aktuelle Beta-Phase des PS3-Exklusivtitels gehangelt und dabei einige neue Freunde gefunden.
Jump’n’Run meets Web 2.0
Angesichts der grandios erzählten Adventures, perfekt inszenierten Action-Spektakel und extrem realistischen Sportspiele verwundert es nur wenig, dass das Ur-Genre der Videospielgeschichte fast nur noch vom Münzen-geifernden Nachwuchs gezockt wird. Vor 10 Jahren galten Jump’n’Runs noch als absolute Größe, mit ihnen stand und fiel der Erfolg einer jeden Spielkonsole. Bis auf wenige Ausnahmen blieb in der Folgezeit die Weiterentwicklung der klassischen Gameplay-Elemente jedoch aus, so dass heute meist nur noch Umsetzungen erfolgreicher Kinofilme auf das kindgerechte Genre setzen. Wieso sollte also "LittleBigPlanet" hier die rühmliche Ausnahme bilden? Wo steckt die versprochene Innovation des Titels? Ganz einfach: In der Online-Anbindung von Sonys PlayStation 3.
Diese ermöglicht es euch, mit anderen Spielern kooperativ ein Level zu bestreiten und bringt mitunter irrwitzige Situationen zum Vorschein. Beispiel gefällig? Gemeinsam mit drei anderen Sackboys, den individuell veränderbaren Spielfiguren von „LittleBigPlanet“, hüpfen und rätseln wir uns durch ein User-generiertes Level, überwinden dabei brennende Abgründe oder setzen fiese Gegner mit dem altbekannten Kopf-Sprung außer Gefecht. Soweit nichts Neues. Um das Tor zum Levelende aufstoßen zu können, wartet jedoch ein schräges Rätsel auf uns. Sechs Würfel liegen auf einer Ebene, vier Aussparungen im Boden sowie ein wenig aussagekräftiger Hinweis des Level-Erstellers weisen auf die Lösung hin. Klar, vier Würfel platzieren, Tür geht auf, fertig. Soweit der Plan, doch in welcher Reihenfolge sollen die Dinger angeordnet werden? Genau an dieser Stelle zeigt sich, wie cool es sein kann, mit realen Mitspielern zu agieren. Einer der Sackboy-Kumpanen nutzt das Gesten-Feature, lässt die Schultern hängen und schaut traurig drein. Ein anderer gestikuliert wild mit den Armen, als hätte er einen Ansatz für des Rätsels Lösung parat. Gemeinsam hieven wir also die Würfel umher, probieren diverse Kombinationen aus. Kein Erfolg, die Tür bleibt verschlossen. Ein Icon über zwei Sackboys zeigt an, dass sie per angeschlossener Tastatur an einer Text-Message werkeln. Doch auch hier nur „Fu**“ und „ROFL“. Als dann die ersten Mitstreiter damit beginnen, den Levelhintergrund und auch die mittlerweile verhassten Würfel mit Aufklebern, Blumen und farbigen Tapeten zuzukleistern, scheint die Lösung in unendlich weite Ferne zu rücken. Spielabbruch. Zehn Minuten später, gleicher Level, andere Mitstreiter. Diese scheinen sich deutlich besser auszukennen und spendieren euch an vorher versteckten Stellen immer wieder neue Items für die Gestaltung eures Avatars sowie Bausteine für eigene Spielstufen. Zack, am Levelende angekommen. Wieder ungläubige Gesten beim Großteil der Teilnehmer. Nur einer scheint sich seiner Sache sicher zu sein und räumt wild zerrend die Würfel um. Bingo, die Tür geht auf. Lachende Sackboy-Gesichter treten zum frei skalierbaren Teamfoto an, treffen sich später in der Spielzentrale und wagen sich an ein weiteres Level. Derartige Situationen machen den unbestreitbaren Reiz von „LittleBigPlanet“ aus, die kooperative Interaktion mit anderen Menschen in ebenfalls von Menschen erstellen Spielwelten.
Büchse der Pandora
Um auch den Online-Fernbleibern einen Kaufanreiz bieten zu können, spendiert euch Sony einen Einzelspielermodus, in dem ihr zu Beginn die grundlegenden Möglichkeiten des Gameplays erklärt bekommt. Die Levels sind thematisch gruppiert und stecken voller Witz und Kreativität. Seid ihr nach mehreren Stunden am Ende der Offline-Geschichte angekommen, könnt ihr dank zahlreicher Tutorials in den Level-Editor abtauchen, mit dem sich wahlweise recht komplexe Umgebungen erstellen lassen. Die Bedienung macht euch dabei keinen Strich durch die Rechnung und erlaubt per Analogstick eine genaue Platzierung von Hindernissen, Fahrzeugen und dekorativen Elementen. Sogar die Hintergrundmusik könnt ihr mit Angabe der Hörreichweite sowie der Instrumentenauswahl einfach in die Spielwelt ziehen. Euer Kunstwerk dürft ihr sodann der Online-Community zur Verfügung stellen, die das Level nach erfolgtem Durchspielen mit unterschiedlichen Begriffen wie „pfiffig“, „rasant“ oder „kreativ“ bewerten kann. So finden sich abseits der zu erwartenden Hüpf-, Ausweich- und Kletter-Passagen z.B. auch Rennstrecken unter den User-Welten oder aber kreative Nachbildungen der bekannten Mario-Klassiker. Das Potenzial des Editors ist schon jetzt zu erkennen, für die wirklich spektakulären Kreationen scheint vielen jedoch noch die Zeit und Motivation gefehlt zu haben.
Keine Abgabe an…
„LittleBigPlanet“ könnte endlich wieder einer dieser Titel sein, der junge und alte Spieler vereint. Weibliche Zocker dürften aufgrund der niedlich-knuffigen Sackboys sowie dem duchgestylten Design ebenfalls ihre Freude haben. Die Vielfalt scheint durch die User-Levels nahezu grenzenlos. Nun steht und fällt alles mit der Kreativität der Spieler und ihrem Willen, die Welt kontinuierlich auszubauen. Die nötigen Werkzeuge dafür stehen auf jeden Fall parat.
P.S.: Die Kombination des Würfellevels lautet übrigens 6124.