Wenn Redakteure aus dem tiefsten Ruhrpott nach Hamburg fahren und für eine einfache Fahrt vier Stunden auf der Autobahn verbringen, dann muss es am Zielort was besonderes zu sehen geben. Gab es tatsächlich, denn abseits von Speicherstadt und Reeperbahn präsentierte uns Square Enix ihr kommendes Open-World-Spektakel Sleeping Dogs. Und natürlich verraten wir euch, was sie uns da alles gezeigt haben.
Schlafende Hunde und wahre Verbrechen
Die Geschichte hinter der Entwicklung von
Sleeping Dogs ist ein wenig verstrickt: Ursprünglich wurde das Spiel von United Front Games unter dem Titel
True Crime: Hongkong für Activision entwickelt. Im Zuge einer "internen Umstrukturierung" hat der Publisher das Spiel jedoch abgestoßen. Das konnte die Entwickler nicht davon abhalten, an dem damals schon weit fortgeschrittenen Spiel weiter zu arbeiten und sich einen neuen Publisher zu suchen. Den fanden sie in Square Enix, die ihnen das firmeneigene Studio Square Enix London Studios zur Seite stellte. Diese hatten ihre Finger schon an Titeln wie
»Batman: Arkham Asylum oder
»Just Cause 2. Auch ehemalige Mitarbeiter von EA Black Box, welche sich für
Need for Speed verantwortlich zeichnen, gehören zum Team. Und den Einfluss all dieser Spiele merkt man
Sleeping Dogs sehr deutlich an.
Bei ihrer Geschichte bedienen sich die Macher von
Sleeping Dogs bei allerlei Actionfilmen des asiatischen Kinos - Fans von Filmen wie
The Departed oder
Infernal Affairs dürften voll auf ihre Kosten kommen. Auch westliche Filme wie etwa
Casino Royale oder die
Bourne-Reihe dienten als Inspirationsquelle. Ihr schlüpft in die Rolle von Undercover-Cop Wei Shen, der in Hongkong aufgewachsen und danach in die USA gegangen ist. Seine Vergangenheit in der Heimat ist bewegt, er hatte stets sehr gute Verbindungen zu den Triaden. Das macht ihn zum perfekten Mann, diese Organisation nun zu infiltrieren, weswegen er nach Hongkong zurückkehrt. Die Einschleusung erfolgt klassisch: Im Knast. Wei wird verhaftet und kommt mit anderen Leuten in eine Sammelzelle. Unter den Gefangenen ist auch ein alter Bekannter des Undercover-Cops, der ihm direkt mal auf den Zahn fühlt und auch anbietet, ihn wieder in seine alten Kreise zu bringen. Weis Vergangenheit mit den Triaden bietet aber auch ein gewaltiges Konfliktpotenzial: Er ist mit den Leuten aufgewachsen, gegen die er nun ermitteln soll. Darum muss er die Balance halten zwischen seiner Arbeit für die Polizei und Diensten an seinen Freunden. Noch dazu, so wurde uns schon verraten, spielt auch seine Familie eine wichtige Rolle in der Geschichte. Keine einfache Situation also.
Der Weg an die Spitze
Sleeping Dogs ist im Kern ein Actionspiel mit offener Spielwelt, ähnlich der
Grand Theft Auto-Serie. Handlungsort ist Hongkong. Ein Areal also, das in Spielen noch recht unverbraucht ist. Und wenn man Bilder aus Hongkong mit der Stadt im Spiel vergleicht, dann wird schnell ersichtlich, dass hier mit viel Liebe zum Detail gearbeitet wurde. Wie groß die Spielwelt letztlich ausfällt war nicht in Erfahrung zu bringen, das virtuelle Hongkong wartet jedoch mit abwechslungsreichen Stadtteilen auf. Es gibt heruntergekommene Gebiete genauso wie moderne Hochhausschluchten, enge Nebengassen, den Hafen und einiges mehr. Es wird Tag und Nacht im Spiel geben, ob und inwiefern der Wechsel dynamisch erfolgt konnte uns jedoch noch nicht sicher gesagt werden. Eine kleinere Umgewöhnung gegenüber anderen Sandbox-Spielen erfordert eine besondere Eigenheit Hongkongs: Der Linksverkehr. Die Entwickler haben sich zugunsten der Authentizität entschieden, diese auch im Spiel zu bringen. Entsprechend ungewöhnlich kommen einem die ersten Minuten, die man dann selbst durch die Stadt fährt, vor.
Wei verfügt zu Beginn von
Sleeping Dogs nur über eine ranzige Wohnung in einem ebensolchen Stadtteil, die ihm als Versteck dient. Mit der Zeit steigt er jedoch im Ansehen auf und erhält Zugriff auf andere Domizile in der Stadt, die seinen neuen Status eher reflektieren. So konnten wir ihn zu Beginn einer Mission in einer der späteren Luxus-Appartments sehen. Hier hatte er auch Zugriff auf Computer, Kleider- und Kühlschrank. Allerdings konnten wir in der frühen Fassung nur den Kühlschrank nutzen - hieraus entnimmt Wei sich einen kühlen Drink. Der Kleiderschrank dürfte im fertigen Spiel wohl zum Wechseln der Kleidung dienen. Am Computer könnte Wei Statistiken angezeigt bekommen, aber auch zum Wiederholen von Missionen könnte er dienen oder als Zugriff auf einen Schwarzmarkt, um etwa illegalen Handel zu betreiben oder Waffen einzukaufen. Ein weiteres Tool ist das Handy, das der Cop natürlich immer bei sich trägt. Darüber wird es Nebenmissionen geben, sogenannte Gefälligkeiten, wie wir in einer kurzen Präsentation sehen konnten. Weitere Funktionen des Gerätes wurden uns nicht verraten.
Am Ende einer Mission wird abgerechnet. Wei erhält je nach seinem Verhalten Erfahrungspunkte. Die verteilen sich auf drei Leisten: Sein Ansehen, Reputation bei den Triaden und Reputation bei der Polizei. Welche Auswirkungen diese Erfahrungsbalken in
Sleeping Dogs letztlich haben werden ist anhand der gespielten Fassung schwer abzuschätzen. Angekündigt ist aber, dass sich Wei - sicherlich auf Basis dieser Erfahrungspunkte - als Charakter weiterentwickeln wird. Wir vermuten, dass er sich durch Levelaufstiege neue Kampfmanöver, bessere Gesundheit und dergleichen draufschafft.
Run, Fight and Drive
Die erste Mission, die wir anspielen konnten, heisst
Night Market Chase und soll die Nahkämpfe von
Sleeping Dogs demonstrieren. Doch bevor es zu einer ersten Auseinandersetzung kommt, dürfen wir erstmal einen nächtlichen Markt mit Besuchern und kleinen Ständen bewundern. Feuerschlucker, schlendernde Passanten, geschäftige Ladenbetreiber und bunte Lampions - so atmosphärisch kann Hongkong sein. An einem der Stände können wir einen Snack erwerben, der uns eine Stärkung im Kampf gibt. Gut gestärkt geht es an die Mission: Wei soll einen Informanten befragen, der macht sich jedoch aus dem Staub. Also wird zur Verfolgung angesetzt. Ähnlich wie in den Verfolgungsjagden in
»Uncharted 3: Drake's Deception folgt eure Zielperson einem durchgeskripteten Pfad durch die Gassen. Immer wieder kommen auch noch Hindernisse in den Weg, die es durch rechtzeitigen Druck der entsprechenden Taste zu passieren gilt. Das ist leichter, als es klingt: Es genügt, immer auf die Sprint-Taste zu hämmern. Bleibt zu hoffen, dass - sollte es häufiger im Spiel solche Verfolgungen geben - mehr Herausforderungen hinzukommen.
Als es Wei gelingt, die Zielperson zu stellen, hat diese bereits Unterstützung an seiner Seite. Zeit zu prügeln! Das Kampfsystem wird euch sicherlich schnell bekannt vorkommen, die Macher haben im Grunde das Freeflow-System aus
Batman: Arkham Asylum übernommen. Dank der Erfahrungen mit dem dunklen Ritter gelingt es dann auch auf Anhieb, Wei regelrecht durch die Gangster wirbeln zu lassen. Schon fast reflexhaft drücken wir den Knopf zum Kontern, wenn ein Ausrufezeichen über dem Kopf eines Gegners aufleuchtet. Habt ihr einen eurer Feinde weit genug geschwächt, dürft ihr ihn an bestimmten Stellen der Umgebung mit einem Finisher erledigen. Einfach nach dem Kerl greifen, nah genug an das jeweilige Objekt - etwa eine Kreissäge oder einen Stromkasten - heran und die entsprechende Taste drücken, schon seid ihr ein weiteres Problem los. Etwas unschön: Während Batman bei Gegnern mit einem Messer eine spezielle Ausweichtechnik vollführen muss, scheint dies bei
Sleeping Dogs nicht der Fall zu sein. Denkbar allerdings, dass diese Mechanik im finalen Spiel noch ergänzt wird. Ebenfalls nervig war ein Gegner, der immer wieder aufstand, wenn wir ihn niedergeschlagen hatten. Dieser musste erst in einem bestimmten Müll-Container per Finisher "entsorgt" werden, bevor es weitergehen konnte. Wir hoffen, dass es solche Situationen in der Endfassung nicht mehr gibt oder zumindest klarer ersichtlich ist, was zu tun ist.
In
Fast Girls, der zweiten spielbaren Mission, fordert uns eine von Lucy Liu gesprochene Auftraggeberin zu einem Autorennen auf. Das Renngeschehen erinnert frappierend an die
Need for Speed-Serie. Entsprechend eingängig steuert sich unser Gefährt auf dem abgesperrten Kurs. Besondere Extras gibt es - von einem kleinen Boost abgesehen - keine, die Spielmechanik gibt sich konventionell. Dank Gummiband ist das Feld meist nah beieinander. So konnten wir auch mal richtig festhängen, auf die Strecke zurückkehren und trotzdem noch gewinnen. Es wird aber sicherlich später auch schwierigere Rennen geben, die euch mehr abverlangen. Ein Schadensmodell, das hat eine kurze nähere Betrachtung eines Brückenpfeilers gezeigt, scheint nicht zu existieren - wieder eine Parallele zu
Need for Speed. Wenn, dann gilt dies aber wohl nur für die Rennen - im eigentlichen Spielverlauf werden Fahrzeuge ganz normal beschädigt, davon konnten wir uns ebenfalls überzeugen.
Gewalt und Gegengewalt
Die dritte und zugleich auch actionreichste Mission trug den Titel
Election. Diese spielt zu einem späten Zeitpunkt im Spiel, an dem Wei schon in die höhere Liga der Triaden aufgestiegen ist. Dadurch ist er natürlich einigen Leuten aufgefallen und wird in eine Falle gelockt. Unter Folter versuchen seine Entführer, ihm in einem Hochhaus-Appartment das Geständnis zu entlocken, ein Undercover-Cop zu sein. Da er nicht gesteht und sich der Schläge einigermaßen gut widersetzt, legen die Peiniger erstmal eine Pause ein. Perfekter Zeitpunkt für die Flucht: Wei schmeisst den Stuhl um, robbt sich zu einer Kiste mit Werkzeugen und trennt damit seine Hand-Fesseln durch. Auch die Seile an den Beinen sind schnell mit ein paar Bewegungen des Analogsticks gelöst und der heranstürmende Bewacher kann mit einer Konterbewegung lautlos ausgeschaltet werden. Blutverschmiert schleppt sich Wei vorwärts. Die Erschöpfung merkt man ihm deutlich an, er hat richtige Probleme, sich auf den Beinen zu halten. An einem Pissoir wartet schon der nächste unserer Folterknechte, den wir ebenso kompromisslos ausschalten. Weiter geht es zu einem größeren, barähnlichen Areal. Ein wenig merkwürdig mutet die Energie schon an, die Wei ab hier wieder abruft, dafür gibt es jetzt endlich Action: Den Auftakt macht ein Bösewicht, den wir nach einem Sprung über das Geländer mit einem heftigen Tritt erstmal ausschalten. Den zweiten erledigen wir mit einer herumliegenden Flasche. Auch die weiteren Feinde in dem Raum stellen kein großes Problem mehr dar, dank dem eingängigen Kampfsystem.
An der Fassade des Gebäudes stehen einige Gerüste, über die wir unsere Flucht versuchen. Weit geht es nicht, wir rutschen ab und landen eine Etage tiefer. Ein erledigter Gegner hinterlässt jedoch eine Waffe - perfekter Zeitpunkt, denn jetzt stürmen mehr Gegner heran, endlich darf geschossen werden. Das ging, anders als die anderen Elemente von
Sleeping Dogs, noch nicht wirklich gut von der Hand, was aber primär auf Steuerungs-Präferenzen zurückzuführen sein dürfte. Das Geballere gibt sich größtenteils genreüblich: Wei kann Deckungen nutzen, seine Gegner tun es ihm gleich, herumstehende Fässer explodieren unter Beschuss und auch sonst geht einiges bei den Feuergefechten zu Bruch. Eine Besonderheit hat der Undercover-Cop dann aber doch noch drauf: Springt ihr über ein Hindernis und zielt dabei auf einen Gegner, wird in Zeitlupe umgeschaltet. Diese verlängert sich durch jeden Kill - rein theoretisch könnt ihr also einen ganzen Raum voller Gegner in einer einzigen Zeitlupen-Sequenz leer fegen. Die Waffen fühlen sich schon jetzt sehr gut an und erzeugen einen ordentlichen Rumms.
Gewaltiger Release
Square Enix ist bemüht, eine weltweit identische Fassung anzubieten. Wie die deutschen Jugendschützer auf das Spiel reagieren werden, ist allerdings fraglich. Es gibt einige Gewalt in
Sleeping Dogs und auch teilweise deftige Finisher, bei denen einem Gegner schonmal der Kopf in eine Kreissäge gehalten wird. Dessen ist man sich bewusst und steht bereits mit der USK in Verbindung. Uns wurde versichert, es sehe bislang gut aus für einen ungeschnittenen Release in Deutschland. Schwer vorstellbar, aber die USK hat sich in der jüngeren Vergangenheit ja öfter gnädig gezeigt. Man sollte aber drauf hoffen, dass es gelingt - ohne die Gewaltdarstellung dürfte
Sleeping Dogs einiges an Atmosphäre abgehen. Daran ließen andere uns in einer Präsentation gezeigte Szenen keinen Zweifel. Einen konkreten Releasetermin wollte man uns nicht nennen, offizieller Stand ist weiterhin lediglich "2012". Gerüchten zufolge könntet ihr bereits im Oktober selbst durch das virtuelle Hongkong ziehen dürfen.