Rockstar Games schickt sich ein weiteres Mal an, den Olymp der Open-World-Games zu erklimmen. Entwickler Team Bondi dreht den Spieß dieses Mal jedoch um und so dürft ihr endlich mal auf Seiten des Gesetzes in einer virtuellen Metropole aufräumen. Aushängeschild des im Los Angeles der 40er Jahre angesiedelten Titels sind die digitalisierten Schauspieler, die euch mit lebensechter Mimik und Gestik in ihren Bann ziehen, wie kaum ein Spiel zuvor. L.A. Noire braucht die starke Konkurrenz in Form von »Mafia 2 also zumindestens in optischer Hinsicht nicht zu fürchten. Was der ambitionierte Titel nach sechsjähriger Entwicklungszeit sonst noch zu bieten hat, erfahrt ihr in unserer ausführlichen Vorschau.
Outlaws sind out!
Schluss mit schmierigen Spaghetti-Gangstern und gewalttätigen Russland-Immigranten! In
L.A. Noire fungiert ihr als Gegenspieler der einstigen Genre-(Anti)Helden. Wie in zahlreichen Bad-Ass-Open-World-Games zuvor, fangt ihr aber erst mal klein an. Das Grundprinzip vom einfachen Handlanger bis zum gefürchteten Mafia Don aufzusteigen, bleibt dem Spiel erhalten - zumindestens in abgewandelter Form. Vom Streifenpolizisten bis zum Mastermind-Detectiv ist es aber ein langer, mit Gangster-Blut geteerter Weg. Neben die üblichen Fahr- und Ballerpassagen, gesellen sich auch ein paar Gameplayneuheiten, wie z.B. das Verhören von Zeugen oder Tätern. In der Rolle von Cole Phelps, einem aufstrebenden LAPD Cop, erkundet ihr das verruchte L.A. von 1947. Steigender Drogenhandel, Korruption und Verrat müssen bekämpft und eine geheime Verschwörung aufgedeckt werden. Ähnlich wie Kevin Costner im Film
Capone macht ihr auch vor den eigenen korrupten Kollegen nicht Halt, gehört Prinzipientreue doch zum selbst auferlegten Kodex eines jeden ehrlichen Hollywood-Ermittlers. Missionen werden passend als Fälle präsentiert, die laut Entwickler durchschnittlich eine Stunde dauern.
Der gespielte Film - Ein "Spielfilm"?
Mit
L.A. Noire gewinnt Rockstar Games zwar bestimmt keinen Preis in der Kategorie: "Gameplay Innovation", die Präsentation des Titels dürfte aber wegweisend für die gesamte Branche sein und den Blick auf Videospiele für Außenstehende nachhaltig verändern. Nein, Rockstar hat mir weder ein unwiderstehliches Angebot gemacht, noch will ich den Titel mehr hypen, als er es verdient hätte.
Wenn man aber das erste Mal eine in Spielegrafik gehaltene Zwischensequenz in
L.A. Noire gesehen hat, ist man versucht, sich die Augen zu reiben. Mit keinem Satz kann man beschreiben, wie unglaublich lebensecht die Charaktere wirken. Jede kleinste Regung im Gesicht lässt sich erkennen. Von einem echten Schauspieler lassen sich die Figuren kaum noch unterscheiden und das kommt nicht von ungefähr. Team Bondi setzt auf eine brandneue Motion-Capturing-Technologie, genannt Motion Scan (ähnelt im Resultat der von James Cameron genutzten Technik im Kinofilm
Avatar - Aufbruch nach Pandorra), die jede Regung im Gesicht des Schauspielers wahrnimmt und sogar den Schattenwurf korrekt ins Spiel überträgt. Heraus kommt eine unfassbar lebensecht wirkende digitale Figur. Aaron Staton, bekannt als Ken Cosgrove in der TV-Serie
Mad Men, stand Pate für Protagonist Cole Phelps und lieh ihm Stimme, Aussehen, Gestik und Mimik. Die Arbeit an
L.A. Noire unterscheidet sich dabei nicht wesentlich vom Alltagsgeschäft des Hollywood Stars. Staton durfte sein volles schauspielerisches Talent nutzen und nicht, wie sonst üblich bei Videospielen, nur seine Stimme einsetzen, um Emotionen zu erzeugen.
Räuber & Gendarm
Motion Scan wirkt sich sogar aufs Gameplay aus. In Verhören sollt ihr eurem Gegenüber im Gesicht ablesen können, ob er lügt. An Tatorten sammelt ihr Beweise, die ihr im Verhör dem Beschuldigten vorlegen könnt. Anhand der Reaktion, z.B. Augenverdrehen, könnt ihr dann erkennen, ob euch euer Gegenüber frech ins Gesicht lügt oder die Wahrheit sagt. Das war bei bisherigen Spielen aufgrund der Technik nicht möglich. Aus einer Liste wählt ihr die Fragen aus, die ihr dem Verdächtigen stellen wollt. Selbst die Stimmlage kann bei der Wahrheitsfindung entscheidend sein. In einer Demo zu
L.A. Noire waren Lügen aber zu offensichtlich (Zeugen verdrehten z.B. zu auffällig ihre Augen). Hoffen wir mal, dass sich der Schwierigkeitsgrad in den Verhörszenen im fertigen Spiel noch steigert.
Abseits der revolutinären Motion-Technik sieht
L.A. Noire nicht groß schlechter oder besser als Konkurrent
Mafia 2 aus. Die Wagenmodelle sind schick, die Weitsicht ordentlich und die Gebäude erinnern an ihre realen Vorbilder. Die Shooter-Sequenzen orientieren sich dabei stark am 2K-Produkt. Auto-Aim, wie sonst üblich bei Rockstar-Spielen, gibt es nicht und so zielt ihr in
L.A. Noire ähnlich wie in
Mafia 2 manuell. Ein weißer Punkt dient hierbei als Fadenkreuz. Über das Fahrgefühl der Vehikel lässt sich aktuell auch noch wenig sagen, da in Trailern vorwiegend Augenmerk auf die Story gelegt wird. An der Fahrphysik muss sich schlussendlich jedes Open-World-Spiel messen lassen und so bleibt es abzuwarten ob auch dieser Aspekt von
L.A. Noire zu überzeugen weiß. Die Abwechslung kommt jedenfalls nicht zu kurz. Neben den genretypischen Renn- und Shooterpassagen gesellen sich stellenweise sogar aufgesetzt wirkende Jump n' Run-Einlagen und Tatort-Besichtigungen.
Die Spurensuche an Tatorten gestaltet sich spielerisch allerdings zu simpel. Sobald Cole auf etwas Interessantes stößt, setzt ein Klavier ein und übertönt die Jazz-Musik. Der Spieler wird quasi an der Hand genommen und durch den Tatort geführt. Auch hier kann man darauf hoffen, dass die Entwickler den Schwierigkeitsgrad im fertigen Spiel noch etwas anziehen und uns so mehr fordern.
And the Oscar goes to...
...L.A. Noire? Man wird sehen ob Rockstars Hochglanzprodukt genug inhaltliche Stärken mitbringt, um nicht nur zu einer Technikdemo von Motion Scan zu verkommen. Viele Videospiele, wie
»Mass Effect 2 oder
»Enslaved, versuchten sich bereits daran, "digitale Schauspieler" zu erschaffen, doch nie ist dies so beeindruckend gelungen wie bei
L.A. Noire, nicht zuletzt dank echter Schauspieler. Bleibt nur zu hoffen, dass immer mehr Entwickler auf diese beeindruckende Technik zurückgreifen, denn glaubhaftere Videospielcharaktere gab es noch nie. Selbst die New York Times widmete sich bereits dem Thema und zeigt damit die Relevanz, die dieses Spiel auf künftige Games haben wird. Team Bondi taufte sein Baby liebevoll einen "Detective Thriller" und diese Umschreibung trifft den Nagel auf den Kopf. In einem Spielejahr in dem wir von Fortsetzungen etablierter Marken geradezu überschwemmt werden, könnte
L.A. Noire herausstechen und ist dadurch schon jetzt ein ganz heißer Kandidat auf den Titel: Game of the Year 2011.