Nach dem »GP2X Wiz steht nun ein neues Open-Source Handheld in den virtuellen Verkaufsregalen von Michael Mrozek – besser bekannt als Evil Dragon. Mit technisch verbesserter Hardware macht sich der Retrofreund abermals auf, den mobilen Videospielmarkt aufzumischen. Als Geschäftsführer der Open Pandora GmbH steht uns Michael erneut zum Interview bereit, um über sein neuen Projekt zu berichten.
Hallo Michael! Freut mich, dass du dir auch diesmal wieder Zeit genommen hast, uns ein paar Fragen zu beantworten. Nach dem Vertrieb des GP2X Wiz, betreust du nun ein neues Handheld-Projekt. Was zeichnet den (oder die?) Pandora aus? Wo liegen die Unterschiede zum GP2X Wiz?
Nun, zunächst mal: Ich betreue auch weiterhin den
Wiz und den Nachfolger, den
Caanoo. Der
Wiz ist ja auch erst erschienen, als die
Pandora schon in Entwicklung war. Es gibt eigentlich mehrere Sachen, die die
Pandora auszeichnen. Ich gebe das mal in Stichpunkten wieder:
eine flexible Mischung aus Computer und Spielekonsole, offen, hackerfreundlich, von der Community mitentwickelt und unterstützt.* Quasi ein Mini-Netbook für die Hosentasche mit Linux, mit Internet, Mail, Messenger, Office-Paket, etc.
* Komplett OpenSource - keine Einschränkungen und Sourcecode ist verfügbar.
* Verglichen mit den meisten anderen offenen Handhelds: deutlich leistungsstärker mit hochauflösendem Display
* Sehr gutes D-Pad (auf Spielsteuerung wurde sehr viel wert gelegt)
* Durch Linux sehr vielseitig: Man kann es als Midi-Sequencer verwenden, mit GPS Empfänger navigieren, mit DVB-T Stick Fernsehen, etc.
* Es ist NICHT von einer großen Firma entwickelt - sondern von ein paar Verrückten mit einer Idee - und einer super Community im Rücken
* Dadurch konnte auch die Entwicklung gut verfolgt werden - inklusive aller Probleme und Schwierigkeiten
* Und: Man kann mit den Entwicklern direkt sprechen. Das sollte man mal bei Nintendo oder Sony versuchen.
Es handelt sich also quasi um eine flexible Mischung aus Computer und Spielekonsole, komplett offen und hackerfreundlich, von der Community mitentwickelt und unterstützt.
Klingt nach einer Hardware von Usern für User. Wie war es der Community möglich, Einfluss auf die Hardwarespezifikationen zu nehmen? Wie groß war dein eigener Einfluss auf die Entwicklung des Geräts?
Der Einfluß der Community war größer als die meisten denken. Wir haben zunächst unsere eigene Idee entwickelt und das ganze als Aprilscherz für einen bald erscheinenden Handheld im GP32x.com-Forum veröffentlicht. Keiner hielt das für real - aber alle diskutierten, was toll wäre, was fehlt, was schlecht ist, etc. Somit hatten wir eine gute Grundlage. Da wir aber auch selber Anwender der älteren OpenSource-Konsolen (gp2x) waren, wußten wir, was uns und der Community fehlt und wie man es verbessern könnte. Auf dieser Basis haben wir dann weiterentwickelt - und irgendwann das erste Board vorgestellt. Mit minimalem OS, aber ein paar Emulatoren. Ich selber hatte hauptsächlich Einfluß auf die Softwareentwicklung des Gerätes. Nach den Grundideen habe ich Michael und Craig die Hardwaregeschichte überlassen und mich mit einigen Entwicklern um Software gekümmert.
Das Haupteinsatzgebiet dürfte auch diesmal wieder auf den Emulatoren liegen. Auf dem GP2x Wiz haben wir bereits Emulationen des N64 oder der Playstation One gesehen. Was ist auf der Pandora technisch wohl möglich? Wie ist dazu deine Einschätzung?
Naja, PSX war auf dem
GP2X kaum spielbar, N64 gar nicht. Da gab es nur eine Techdemo, die PD-Demos mit 3fps laufen lassen konnte, mit kommerziellen Spielen geht da gar nichts. Was auf der
Pandora technisch möglich ist... da sag ich lieber nichts. PSX und N64 sollten locker drin sein, laufen auch jetzt schon gut. Beim
GP32 dachte ich immer, MegaDrive wird nie gehen, aber nach ein paar Jahren gab es einen spielbaren MegaDrive-Emulator. Beim
GP2X war es das gleiche mit SNES.
Die aktive Community spielt für den Erfolg eines solchen Handhelds eine große Rolle. Wie siehst du da die Prognose für die Pandora? Was zeichnet die Gemeinschaft dieses Geräts aus?
Jeder kann jedem helfen, gemeinsam kann man das System verbessern.Im Moment ist es eher ruhig - da noch sehr viele User auf die Auslieferung warten. Trotzdem gibt es schon einige Community-Mitglieder, die eine Menge Software portiert haben. Die Gemeinschaft zeichnet aber in der Regel das aus, was auch beim
GP2X,
Wiz,
GP32 oder OpenSource-Systemen der Fall ist: Man kann sich einbringen - durch Vorschläge, Programmieren, Grafik oder Musik entwickeln, Tutorials schreiben, etc. Jeder kann jedem helfen, gemeinsam kann man das System verbessern. Deswegen ist es natürlich wichtig, dass man entsprechende Plattformen und Webseiten für die Community anbietet. Sobald die
Pandora endlich eine stabile Produktion hat, sehe ich von der Community her eine blühende Zukunft - und das Ziel versuchen wir gerade zu erreichen.
Was müssen technikbegeisterte denn mitbringen, um für ein System wie die Pandora zu entwickeln? Gibt es vielleicht hilfreiche Software, mit denen ihr die Community untersützt? Welche Programme würdest du für Einsteiger empfehlen?
Nein, eigentlich nicht. Ich sehe eigentlich noch gar keinen Markt für MMORPGs mobil, da die Verbindungen (zumindest hier in Deutschland) ziemlich schnell abbrechen. Wer beim Zugfahren mal mit UMTS-Stick versucht hat zu surfen, weiß, wovon ich spreche - bei MMORPGs ist das tödlich. Okay, ist bestimmt nett, daheim im Bett mit einem MMORPG zu liegen - aber als Markt würde ich das nicht sehen.
The ManaWorld kann man sogar jetzt schon auf der Pandora spielen.
Um was für ein Projekt handelt es sich bei diesem Titel?
Das ist ein freies Linux MMORPG.
Was sind deine drei Lieblinsprojekte, die bislang auf dem Gerät lauffähig sind?
Ich spiele gerade viel PSX-RPGs (die ich seit ewigen Zeiten Original daheim rumliegen hatte aber nie zum Spielen gekommen bin), liebe aber auch einige Homebrew-Spiele wie die
Zelda-Homebrew-Trilogie,
Zelda Classic, etc. Und zwischendurch ein paar Puzzler... ach, es gibt unzählige Projekte, die ich liebe. Ich liege auch öfters im Bett und rufe mal schnell nebenher eMails ab oder surfe im Netz. Ich finds genial, den gleichen eMail-Client auf der
Pandora wie auf dem PC zu haben - so musste ich nur das .claws-mail-Verzeichnis auf die SD-Karte kopieren und hatte alle Filtereinstellungen, Konten, etc. drin. Bei 10 eMail-Adressen und über 30 Filtern sehr praktisch.
Pandora ist offenbar ein ziemlich vielseitiges Gerät. Wie würdest du die Ziegruppe in etwa einschätzen?
Es gibt mehrere Zielgruppen: Linux- und OpenSource-Freaks, Retro-Zocker, Fans von Geräten, die einem nicht die Freiheiten rauben, das zu tun, was man mit machen möchte... ist alles sehr vielseitig.
In erster Linie dürfte es ja auch bei der Pandora ums Spielen gehen. Was ist diesbezüglich dein Highlight?
Ein Highlight dürfte für jeden was anderes sein. Viele fahren auf N64 ab - das ist mir recht egal. Ich freue mich besonders über den Amiga (Fullspeed ohne Frameskip!) und die PSX, weil ich noch soviele RPGs daheim habe, die ich noch nicht gespielt habe.
Vielen Dank, dass du uns so ausführlich Rede und Antwort gestanden hast. Möchtest du den Usern von GameRadio noch etwas mitteilen?
Nun - seid geduldig mit uns. So ein Projekt ist WESENTLICH komplexer und komplizierter als man sich vorzustellen vermag. Ehrlich. Ich hätte das vorher auch nicht gedacht.
Technische Daten
Abschließend wollen wir euch die genauen technischen Daten des neuen Geräts nicht vorenthalten:
* ARM® Cortex™-A8 600Mhz+ CPU mit Linux
* 430-MHz TMS320C64x+™ DSP Core
* PowerVR SGX OpenGL 2.0 ES kompatible 3D hardware
* 800x480 4.3" 16.7 Millionen Farben Touchscreen LCD
* Wifi 802.11b/g & Hochgeschwindigkeits-USB Host
* Zwei SDHC Kartenslots & SVideo TV Ausgang
* Zwei analoge Controller und ein digitales DPad für Spiele
* 43 Tasten QWERTY und numerisches Keypad
* ca. 10+ Stunden Akkulaufzeit
* 256MB RAM und 512MB NAND-Speicher