Bist Du Dir sicher, dass das Leben, so wie Du es tagtäglich erlebst, tatsächlich so stattfindet? Schreiben wir wirklich das Jahr 2005 und sind wir in der Lage objektive Erkenntnis zu erlangen? Fragen über Fragen, denen sich schon vor sechs Jahren die Wachowski-Brothers mit dem ersten Teil der Matrix-Filmtrilogie annahmen. Was uns mit Matrix erwartete, glich aber keiner schnöden und langweiligen Konversation ins Amt gerufener Pseudoexperten. Nein, kombiniert mit Action, revolutionären Effekten und einer komplexen und Faszination ausübenden Botschaft schrieb der Film Geschichte. Über die Qualität der zwei nachfolgenden Sequels lässt sich hingegen streiten. Ebenso über die Spielumsetzung „Enter the Matrix“, welche unfertig und allenfalls durchschnittlich die Gedanken der Filme weiterspann.
Nun sind aber die Filme abgehakt und es ist Zeit für einen neuen Anlauf: GameRadio war für euch bei Atari und konnte dort „Matrix: Path of Neo“ ausgiebig anspielen. Unsere Fragen durften wir im Anschluß daran David Perry von Shiny stellen, der uns zudem bereitwillig Auskunft über die Zukunft der Matrix-Serie gab. Einen Mitschnitt des Interviews mit exklusiven Gameplay-Szenen findet ihr wie gewohnt hinter dem blinkenden TV-Schirm.
Da solche PR-Ereignisse die Sinne aber leicht trüben, warteten wir gespannt auf die finale Version ... und wurden nicht enttäuscht! Lest weiter und erfahrt, wie es sich anfühlt der Auserwählte zu sein.
Fan’s/Director’s Cut
In „Path of Neo“ werden sämtliche Höhepunkte aus den Filmen abgehandelt, so wird quasi eine Anthologie der besten Szenen Stück für Stück nachgespielt - von der Auswahl der Pille bis zum Kampf in der Maschinenstadt. Eine komplexe Story wird gar nicht erst aufgezogen, da die Filmvorlage quasi als allgemeines Kulturgut vorausgesetzt werden kann. So richtet sich der Titel ausschließlich an Matrix-Fans, die in den Levels viele der Filmschauplätze wieder erkennen. Nachteil dieser Methode ist, dass Gamer, die nichtfamiliär mit der Thematik sind, kompromisslos außen vor gelassen werden. Denn Szene um Szene schlüpft ihr in den Latexanzug von Neo und erlebt die Schlüsselszenen und fiktive Momente hautnah mit.
Analog zum Feedback vieler Fans dominiert der erste Filmteil die Story. Zwar kommen auch Szenen wie der ultimative Endkampf mit Smith aus "Revolutions" vor, doch primär durchlebt ihr Teil Eins. Daher befindet ihr euch anfangs, noch als Mr. Anderson gefangen, in der Matrix und schleicht euch auf der Flucht vor den Agenten unter telefonischer Anleitung Morpheus durch den bekannten Bürokomplex. Schon am Ende dieses frühen Abschnitts wird ein besonderes Feature des Spiels klar: Für besonders geschickte Action erhaltet ihr Hintergrundinformationen aus der Filmvorlage. So könnt ihr in der Rolle von Neo dessen Entscheidungen treffen und somit den titelgebenden „Path of Neo“ gestalten und begehen. Was wäre z.B. passiert, wenn Anderson mit etwas mehr Mut den Fenstersims nicht verlassen hätte? Vor allem für die Fans, an die sich das Spiel ja offensichtlich richtet, ist das sicherlich ein mehr als nur interessantes Feature.
Nach den jeweiligen Missionen könnt ihr Neo einige Spezialfähigkeiten spendieren. So kann er beispielsweise die Matrix in ihrer reinen Form erkennen und so versteckte Gegner oder Gegenstände ausmachen. Per Telekinese bewegt er Objekte, hält Geschosse auf oder lenkt sie einfach zum Verursacher um. Natürlich fehlt auch die obligatorische Bullet-Time nicht!
Pure Zerstörung…
Die Präsentation von „Path of Neo“ ist hingegen etwas durchwachsen ausgefallen. Aus der Nähe betrachtet, erweisen sich einige der Charaktere schon fast als gruslig. So nah kommt ihr ihnen allerdings nur in den Zwischensequenzen, in den actionreichen Kämpfen spürt ihr davon nur selten etwas. Zudem ist es sehr beeindruckend, dass auf der PS2 erstmals Bump Mapping (nachdem der Einsatz in Hitman verwehrt blieb) zu sehen ist. Neo selbst bewegt sich vor allem im Laufen recht albern und wirkt nicht wirklich wie die letzte Rettung der Menschheit.
Überaschenderweise sehen die bei den Kampfmanövern eingesetzten Animationen umso beeindruckender aus und lassen echtes Matrix-Feeling aufkommen. Nur in „Path of Neo“ kann man mit einer M4 im Anschlag den Rücken eines Gegners hochlaufen, sich von diesem abstoßen, kurz an der Wand emporlaufen und währenddessen großzügig blaue Bohnen verteilen. Dies alles sieht vor allem dank der neuen Havoc-Engine mit Namen „Destruction“ äußerst spektakulär aus: Überall im Bild explodiert es, fliegen Splitter und Partikel. Leider kommt es so auf PS2 und XBox zu gelegentlichen Framerate-Einbrüchen, die schon fast wie eine zweite Bullettime wirken.
Einen weiteren Wehmutstropfen in dieser Zerstörungsorgie bildet die Kamera, die mehr oder minder große Schwierigkeiten hat, das Geschehen übersichtlich einzufangen. Obwohl Objekte und Charaktermodelle häufig transparent werden, fehlt durch den zu nahen Zoom oft der Überblick. Gegenargument: Ihr seid stets hautnah an der Action dran.
Erlesene Musikwahl
Selbstverständlich darf bei einer solchen Nonstop-Action der passende Soundtrack nicht fehlen. Aus diesem Zweck wurden Verträge mit prominenten Bands geschlossen, wie zum Beispiel Crystal Method. Wir hatten auf jeden Fall viel Spaß dabei, getrieben von der passenden Musik die Umgebung in Kleinholz zu zerlegen. Die Soundeffekte tönen dabei ebenso passend aus den Lautsprechen und runden die Präsentation angenehm ab.
Um auch wirklich die nötige Authentizität zu erreichen, hat Atari kurzerhand die meisten Originalsprecher aus der Filmvorlage rekrutiert. Wahlweise könnt ihr zudem auch die englischen Stimmen genießen. Neo, Smith und Trinity wurden jedoch dann (bis auf die Filmausschnitte) von fähigen Neuligen gesprochen. Schon im Tutorial meldet sich Laurence Fishburne zu Wort und erklärt nicht nur das Stück für Stück eingeblendete HUD, sondern auch alle auf das Gameplay bezogenen Fragen. Doch hier entstehen leider mehr, als wohl geplant…
Déjà-Vu?
Shiny bemühte sich um einen ausgewogenen Genremix. Dies wird klar, wenn die Schleicheinlagen oder die Shooterlevel gespielt werden. Wie im Film übernehmt ihr als Neo auch einmal die Kontrolle über einen Kampfhubschrauber und macht ganze Hochhäuser renovierungs- bedürftig.
Diese unterhaltsamen Minigame-Geschwister täuschen aber auf Dauer nicht über den eigentlichen Spielinhalt hinweg. Ihr drückt meist unkoordiniert auf die Buttons und staunt manchmal gar nicht schlecht, was euer Alter Ego da so ausführt. Kontrolle über die ausgeführten Moves hat man aber eigentlich nicht. Rein theoretisch wäre es zwar möglich, bestimmte Combos auszuführen, doch da deren Verfügbarkeit von vornherein durch die im Level gegebenen Waffen variiert, fällt einem das Einprägen umso schwerer. Und wenn auch Buttonsmashing ausreicht, neigt der Gelegenheitsspieler zur Faulheit. Die Steuerung hingegen ist recht komplex, doch können wir Entwarnung geben: Nach einer levelübergreifenden Einarbeitungszeit geht diese relativ flott von der Hand. Geübte Klavierspieler sind aber dennoch klar im Vorteil.